Sehen
U-Bahnhof-Gedanken
Manchmal schlendere ich auf dem
U-Bahnhof Richtung vorderer Ausgang.
Weinmeisterstraße - blau gekachelt.
Von da ist es kürzer
bis nach Haus.
Es spart nach dem Aussteigen
ein paar Sekunden.
Dann drehe ich mich um
und sehe den einfahrenden Zug.
Was wäre, wenn ich jetzt
aufs Gleis springen würde?
Der Gedanke, dass mich der Zug
zermalmen lassen würde, ist eklig
und auch irgendwie angenehm.
Als Paradox in seiner Unangenehmheit.
So, weiß ich, dass ich
das Leben noch liebe.
Dann steige ich ein und merke,
wie sich der Wunsch in mir ausbreitet,
einfach auf den Boden zu gehen.
Nicht hinfallen, nein, bewusst runter,
Knie zuerst, dann die Handflächen
auf die schwarzen Gummimatten pressen.
Mit der Nase nach Schuhsohlen schnüffeln.
Vielleicht kommt mir der Geruch
von altem Urin in die Nase
oder ich schmecke Bremsstaub.
Die Leute würden zurückweichen,
jemand würde „Geht’s noch?“ rufen,
aber ich will gar nicht antworten.
Ich will nur spüren, wie kalt
und klebrig der Boden ist,
wie er sich an die Haut saugt
und nicht mehr loslässt,
bis die nächste Haltestelle kommt
und ich wieder aufstehen muss,
als wäre nichts gewesen.
Vielleicht würde auch jemand die Notbremse ziehen
und den psychiatrischen Notdienst rufen.
Hier ist ein Verrückter, würden sie rufen
und mich in eine Zwangsjacke stecken wollen.
„Ist es verboten, den Fußboden der U-Bahn abzulecken?“,
würde ich rufen.
Die angeekelten Gesichter der anderen Fahrgäste
würden sich wegdrehen.
Nur der, der den Notdienst gerufen hat,
würde eifrig schimpfen,
dass man so etwas nicht macht.
Und ich sehe in seinen Augen
den Abscheu und den Neid.
Ich kenne seine Gedanken und Wünsche.
Doch nichts von alledem geschieht.
Die Bahn fährt ein.
Der Zug hält und ich verlasse das Abteil
ohne Skandal.
Der Notrufrufer, weiß nichts von seiner fiktiven Tat
und starrt ins Leere.
Auf dem Nachhauseweg komme ich an einem kleinen Gebüsch vorbei,
in dem ein vergammeltes Stullen-Brot liegt.