Sehen

Über gute und schlechte Küsse

Jan-Josef Markwort

Besser Pimpern mit Professor Dr. Vögler

Es gibt ein großes Paradoxon
zwischen Küssen und profanem Geschlechtsverkehr.

Während uns Geschlechtsverkehr
am eifersüchtigsten macht,
ist ein Kuss das Intimste,
was ein Mensch geben kann,
intimer noch als Sex,
wenn wir Sex als Geschlechtsverkehr begreifen.

Darum sind auch Prostituierte bereit,
ihren Körper,
also ihre Vagina,
zu verkaufen.

Aber küssen,
küssen, oh, das kostet einen hohen Aufpreis,
und manche möchten überhaupt nicht geküsst werden.

Ja, das ist schon ein hochinteressanter Dissens
zwischen beiden Körperöffnungen,
die wir so unterschiedlich beurteilen.

Und ein Kuss ist ein Türöffner.
Wenn eine Frau küsst,
ist sie auch bereit,
Sex zu geben.

Das Umgekehrte ist nicht immer der Fall,
wie wir gerade festgestellt haben.

Und schlechtes Küssen
ist auch ein Sargnagel
für eine Beziehung.

Nun, wir müssen uns das so vorstellen,
ein Kuss verbindet,
ein Kuss weckt Sehnsucht.

Ich selbst habe in meiner Jugend
lang und ausgiebig
mit jungen Frauen
in verschiedenen Orten rumgeknutscht,
und man konnte nicht genug davon bekommen.

Anders als Geschlechtsverkehr,
der auf einen profanen Höhepunkt zusteuert,
hat man das bei Küssen nicht.

Küssen kann man stundenlang,
und je länger,
desto mehr möchte man küssen.

Vor allen Dingen dann,
wenn der Partner kusstechnisch kompatibel ist.

Es ist ein Hineingesogenwerden
in den Anderen,
ein Austausch von Flüssigkeiten,
die einen begeistern können.

Und natürlich wird auch eine andere Region davon
äußerst stimuliert,
sodass dies dann meist in schnödem Sex endet.

Wenn man es nicht aushalten kann,
aber wenn man in der Lage ist,
diesen Trieb zu unterdrücken
und stundenlang nur rumzuknutschen,
wird man belohnt
mit einer Ekstase,
die einen über den Boden schweben lässt.

Und darum auch das Gegenteil.
Ein Kuss,
den kann man in den Alltag integrieren,
problemlos,
im Gegensatz zu Geschlechtsverkehr,
den man schlecht vor den Kindern ausüben kann.

Aber ein Kuss, ja, da können die Kinder auch mal zuschauen.

Und ein Kuss verbindet.

Und darum sind schlechte Küsse
genau das,
was eine Beziehung zuverlässig auseinander treibt.

Denn wer sich nicht küsst,
liebkost sich nicht.

Und wer sich nicht liebkost,
wer die körperliche Bindung nicht täglich erneuert,
fängt an,
sich abzuwenden
und nebeneinander herzuleben,
bis die Beziehung nur noch
eine reine Zweckgemeinschaft ist.

Und von da ist es bis zur Trennung
kein großer Schritt.

Also darum küsst, denn küssen ist die schönste Form
der partnerschaftlichen Kommunikation.

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