Sehen

Unter Scheinwerfern

Luiz Goldberg

In der grellen Helligkeit der Scheinwerfer stolperte sie nicht wirklich. Nein, sie zerlegte sich nur in einzelne, gestolperte Schritte. Für einen kurzen Augenblick schien es, dass sie kurz davor war, den Kontakt zur Bühne zu verlieren. Doch war sie Profi genug, um dies gekonnt in letzter Sekunde auszubalancieren.  Glück im Unglück.

Die Absätze, für sie in Wirklichkeit kein Glamour, sondern ein Gemisch aus Lack und Hass, hämmerten gegen das Holz. Ein Cat-Walk-Morse-Code der jeden Funker auf See um den Verstand gebracht hätte. Eine unaufhörliche Abfolge von ‚Ich halte das aus… Ich halte das aus…‘ und jeder weiß, es ist gelogen.

Die Menge applaudierte. Ein mechanisches Geräusch von irgendwoher. Die Füße brannten. Vom knappen Sitz und vor Scham über die gestolperte Einlage. Sie sendeten ans Gehirn Schreie, wie wilde Tiere, die man in einen Käfig gezwungen hat.  

Vorne saßen Mode-Journalistinnen. Mit schmalen Notizblöcken und noch schmaleren Lippen.
Für die war das Stolpern die Sensation des Abends und Balsam auf die eigene Unzulänglichkeit. Sie taxieren abschätzig und würden doch einen Mord begehen, nur um dafür einen Tag auf dem Cat-Walk wandeln zu dürfen.

Der Designer hatte sie vorhin im Backstage angefasst, nicht richtig, nur so, dass man hinterher nicht genau sagen konnte, ob es Absicht war oder nur schlechte Manieren. „Haltung, Liebes“, hatte er gesagt, als wäre Haltung etwas, das man sich in die Wirbelsäule spritzen lässt. Das Kleid, ein durchsichtiges Nichts aus recyceltem Fischernetz und Optimismus, klebte an ihrer Haut wie eine zweite, feindliche Epidermis. Jede Bewegung bedeutete die Gefahr, dass ein Brustwarzenpiercing durchblitzte oder der String sich verschob und die Illusion endgültig zerstörte.

Hinter ihr flüsterten die anderen, sprachen über Kalorienzählen wie über Religion, über Sponsoren, die nachts zu viel wollten, über Agenten, die morgens zu wenig zahlten. Sie dachte an den Kaffee um sechs, schwarz, bitter, ohne Zucker.  Weil Zucker das Gesicht aufquellen lässt und aufquellende Gesichter keine Verträge bekommen. Sie dachte an die WhatsApp vom Sponsor gestern um 3:47: „Du warst göttlich. Lass uns das wiederholen.“ Sie hatte nicht geantwortet. Stattdessen hatte sie sich im Bad den Finger in den Hals gesteckt, bis nur noch Magensäure kam, weil sie den Geschmack von teurem Champagner und teureren Fingern nicht mehr ertragen konnte.

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