Sehen

Unterm Bett

Claudia Carl

Scheiß Idee, fluchte er leise,
als er den Schlüssel hörte,
jetzt war er in der Falle,
selber schuld
und ihm tat schon nach drei Minuten alles weh.

Das altbekannte Tick Tock ihrer Absatzschuhe
bewegte sich im Dopplereffekt
mal nah, mal fern, auf dem Parkett
im Wohnzimmer und auf den Kacheln
in der Küche

Er lag auf dem Rücken und der Boden
stach in seine Schulterblätter
waren die schon immer so komisch geformt
dass es sich anfühlte als läge er auf zwei Nägeln
das Linoleum im Schlafzimmer
hatte er sich weicher vorgestellt

Er wusste, dass sie Musik liebte,
und das hatte seinen Plan befördert
schon stellte sie ihr Handy auf den Halter
und laut erklang es von Spotify
er hasste ihren Geschmack
Melodisches liebe sie
hatte sie immer gesagt und solches
sülzte nun in seine Ohren

Er stand eher auf AC/DC
das traf seinen inneren Rhythmus
sein aggressives Pulsieren in den Adern
es war die perfekte Musik zum Wichsen
wütend und schnell und peng

Jetzt schien sie ihm die Geschichte
ihrer Scheißbeziehung vorzuspielen
gesungen von Schlampe Andrea Berg
du hast mich tausendmal belogen
du hast mich tausendmal verletzt
ich bin mit dir so hoch geflogen
doch der Himmel war besetzt

Der Himmel war eher die Hölle gewesen
besetzt mit seiner bösen Ehefrau
und sie, Janine, war die Erlösung gewesen
die ihn mit ausgebreiteten Armen und Beinen
empfangen hatte

Aber werden nicht irgendwann alle Frauen zu Zicken
spätestens dann, wenn man sich mal verspricht
im Traum
Schatz, Eva, bitte
diese drei dämlichen Worte
hatten Janine hysterisch werden lassen

Das war vor drei Monaten
seitdem brannte ihr Wohnungsschlüssel
in seiner Hosentasche
sie hatte ihn rausgeworfen
aber ohne diese Eintrittskarte
ihn später per WhatsApp terrorisiert
er solle ihn ihr in den Briefkasten werfe
sonst tausche sie das Schloss

Es war eigentlich nur ein Test
hatte sie das Schloss ausgetauscht?
Mit einer halben Flasche Whiskey intus
hatte er es probiert
und stand unverhofft in ihrer Wohnung
er torkelte dahin, wo sie immer waren
ins Schlafzimmer

Und die super tolle geniale Idee kroch in sein Hirn
und er unters Bett
war er nicht wunderbar pervers
sie hatte es verdient
er würde die ganze Nacht
ihre Atemzüge einsaugen
und am Morgen…tja
das war noch offen

Es klingelte an der Wohnungstür
so spät am Abend
musste er sie jetzt beschützen
vor einem Eindringling
würde sie ihm erleichtert um den Hals fallen

Die Matratze über ihm sank plötzlich so tief
dass sie fast seine Nase getroffen hätte
Janine hatte sich aufs Bett geworfen
und der Eindringling ebenfalls
ein Stöhnkonzert brach vom Zaun
das er noch nie gehört hatte
und es war eindeutig was es war
ihr Höhepunkt
und dann seiner
dann ihr erleichtertes glückliches Seufzen
hatte der sie etwa so schnell zum Orgasmus gebracht
„Mein Ex war ja quasi impotent“, hörte er sie sagen
der Eindringling lachte
küsste sie schmatzend und säuselte: „Mein Schatz“

Die Nägel in seinen Schulterblättern stachen tiefer
ihm tat alles weh
die Nacht wurde verdammt lang
und verdammt unruhig
und die Matratze zerkratzte ihm sein Gesicht
so sehr wurde sie malträtiert

Er musste irgendwann eingeschlafen sein
aber die wilde Jagd über ihm übertönte wohl sein Schnarchen
er wachte auf, als die Wohnung still da lag
beide schienen weg
er konnte nicht mehr liegen
musste jetzt hervorkriechen
wie 100 fühlte er sich, als er gebückt aus dem Zimmer schlich
wunderbar pervers war er
der Gedanke schoss schmerzlich in seinen Kopf
Nichts wie weg hier
Den Wohnungsschlüssel ließ er auf der Ablage liegen
Wiederholung ausgeschlossen

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