Sehen
Verkehrte Welt
Sie wünschten sie würden nicht hier sitzen
in ihren alten Körpern
vertrocknete Gesichter
eigentlich längst zum Sterben verdammt
aber doch noch bei bester Gesundheit
Aber sie sitzen hier und können sich nicht losreißen
es tut zu weh
denn dann naht der Abschied
und sie müssen ihren Sohn wieder zurückbringen
in die Einsamkeit seines Krankenzimmers
Lieber noch einen Kaffee bestellen
obwohl die Bitterkeit schon das Herz bedrängt
aber Kaffee gilt als Entspannungsmittel
und man hat dann auch noch etwas zu tun
auch eine Breze auf einem Teller hat der alte Mann mitgebracht
etwas zum Knabbern sagt er
Knabbern, so völlig losgelöst von dem Anblick der Nadel
die in der Halsschlagader des Sohnes steckt
er ist doch viel zu jung dafür
vielleicht 46, oder 51
er ist sehr blass mit einem rötlichen Schimmer
obwohl er braune Haare hat
seine großen blauen Augen scheinen unwirklich
aus dem Gesicht hervor
er lächelt nicht
und vermutlich findet er es peinlich
dass er hier die Geborgenheit seiner alten Eltern
die doch seit Jahrzehnten vergessen war
wieder in Anspruch nehmen muss
Warum er krank geworden ist weiß keiner
kein einziger Arzt kann es ihm sagen
warum er TM bekommen hat
transverse myelitis
die ihn teilweise lähmt
seine Beine schwach hat werden lassen
er torkelt herum
und manchmal bricht er zusammen
die Zusammenrottung der Weißkittel
morgens an seinem Bett
debattiert stundenlang und palavert
und sagt doch immer wieder dasselbe
vielleicht der Stress die Psyche
die Erbmasse die Gene aber eigentlich
völlig unmöglich was er da hat
Er selbst spürt noch den Stich der Nadel
im Oberarm
nach der alles ganz schnell ging
und er nur wenige Tage später die ersten Folgen spürte
doch die Ärzte reden von Zufall
dass da die Spritze war
die gegen eine Krankheit schützen sollte
aber der Sohn ist sicher
sie hat eine neue Krankheit hervorgebracht
Es gibt viele Versuche der Behandlung im Krankenhaus
es gibt viele Versuche, die Nadel für die tägliche Infusion
in einer passenden Ader zu platzieren
doch alle schlagen fehl, so dass nur die dicke Halsschlagader
bleibt, die jetzt für jedermann sichtbar hier im Café
neben der Klinik von seiner Geschichte erzählt
Und die Eltern, zerfressen von Sorge und Traurigkeit
und Wut, versuchen gute Stimmung zu machen
der süße Hund da draußen jauchzt die Mutter in absurd
lautem Ton
und der Vater versucht, in seine frühere Rolle zurück
zu schlüpfen, als der Junge noch klein war und er der Starke
aber die Tränen scheinen durch seine selbstsichere Miene
hindurch
Sie wollen nicht gehen
sie wollen für immer in diesem Café sitzen bleiben
in der wirklichen Welt
aber sie müssen
hätte uns doch die Spritze getroffen
würden sie denken wenn sie daran glauben würden
aber sie glauben lieber den Ärzten
die nichts wissen
wollen