Sehen

Verlegerdasein

Gernot Schwarm

Er ist Verleger.
Ein kleiner und unabhängiger.
Und sitzt nun am Tisch.
Die Ellenbogen auf selbigen,
die Finger im Kopfhaar vergraben.
Er starrt auf das MacBook.
Der Bildschirm leuchtet blauweiß,
die Mahnungen stapeln sich
in Tabs.
Früher hat man einfach
den Briefkasten nicht mehr geöffnet.
Heute flattern die Mahnungen
per Mail herein
und zwingen die Realität
vor seine Augen.
Auf dem Smartphone ein Anruf
vom Steuerberater.
„Wir müssen reden“
und noch was,
was er sofort
aus seinem Gedächtnis getilgt hat.
Er atmet flach,
die Brust eng,
als wäre die Luft rationiert.

Sie kommt rein,
ohne Geräusch,
denn die Tür ist nur angelehnt
und gut gedölt.
Wenigstens etwas,
was funktioniert.
Sie tritt hinter ihn,
Hände auf seine Schultern,
nicht streichelnd,
sondern fest,
als wollte sie ihn
am Stuhl festnageln.
Er hebt den Kopf,
will anfangen,
will erklären,
rechtfertigen,
sich entschuldigen
für das,
was er nicht verhindern kann.
Den Umbruch einer ganzen Branche.
Sie dreht seinen Kopf zu sich.
Der Kuss kommt.
Bestimmt,
fast aggressiv.
Mund auf Mund.
Ihre Zähne berühren sich leicht,
Atem mischt sich sofort.
Es ist ein Halt-die-Fresse-Kuss.
Eine klare Botschaft:
Deine Zahlen interessieren mich
einen Dreck,
deine Krise interessiert mich
einen Dreck,
ich bin hier,
und das reicht.
Dreißig Sekunden,
vielleicht fünfunddreißig.
Das Weib hat gesprochen
oder besser gesagt geküsst.

Die Welt draußen –
Print als Schimpfwort,
Amazon als Henker,
Algorithmen als Richter –
alles löst sich auf.
Für diesen einen Moment
gibt es nur
den Druck ihrer Lippen,
die Wärme ihrer Hände,
den Geruch nach Kaffee
und ihr Shampoo.
Dann lässt sie los.
Geht zum Herd,
rührt im Topf.
Sie neigt den Kopf leicht
und sagt über die Schulter:
„Essen ist in zehn Minuten.“
Tonfall neutral,
als wäre nichts gewesen.
Er sitzt da,
Mund noch feucht,
Herzschlag laut in den Ohren.
Die Branche ist immer noch tot,
das Finanzamt immer noch da,
die Zukunft immer noch
ein schwarzes Loch.
Aber er klappt den Laptop zu.
Steht auf.
Geht zum Schrank,
holt Teller raus.
Die Hände zittern nicht mehr.

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