Sehen
Vierter Brief an Tobias
Sei mir gegrüßt, Tobias!
Ich befinde mich in einer doppelten misslichen Lage.
Einerseits die passenden Worte zu finden
für dich, mein lieber Tobias,
um dir zu erklären, was in mir vorgeht,
und zum anderen die richtige Methode zu finden,
um meinen Körper von den Haaren zu befreien,
die ich als etwas unerotisch an mir empfinde.
Aber leider hat jede Variante ihren Vor- und ihren Nachteil.
Wenn ich mit heißem Wachs die Haare entferne,
so ist das sehr dauerhaft
und es fühlt sich danach wunderbar an,
aber leider ist es sehr schmerzhaft.
Wenn ich den Rasierer nehme,
dann ist es danach immer noch stoppelig und rau.
Und die chemische Variante,
nun, ich muss sagen,
dass es gewisse Körperregionen gibt,
wo sich der Einsatz dieses Hilfsmittels verbietet.
Es bleibt immer noch das Auszupfen,
das ist noch halbwegs akzeptabel,
allerdings brauche ich dann Stunden,
um ein kleines Gebiet von Haaren zu säubern.
Du siehst, mein lieber Tobias,
Frauen haben es nicht einfach,
sondern sehr schwer,
denn immerhin möchten wir für euch
so schön wie möglich sein.
Aber ich glaube,
ich werde eine Kombination machen.
An gewissen Stellen werde ich den Rasierapparat verwenden,
während ich andere Stellen
mit einer chemischen Creme behandeln werde,
um danach die zarteste Haut zu haben,
die man sich vorstellen kann.
Um aber auf deinen Vorschlag zurückzukommen,
das ist der andere Punkt,
der nicht so einfach zu erklären ist.
Du meinst,
ich sollte mich an meinem Mann rächen,
an seiner Untreue,
indem ich selbst untreu werde.
Aber wie soll ich das dir erklären,
das werde ich nicht machen.
Nicht, weil es moralische Gründe gäbe,
die mich davon abhalten würden,
sondern das Problem ist,
mein Mann ist Philosoph
und als solcher ein sehr intelligenter Mensch
und Rache würde mir nichts bringen,
denn er würde mich dafür einfach auslachen.
Ich kann auch sogar ein bisschen verstehen,
dass er sich hier und da seiner Männlichkeit versichern möchte,
wenngleich ich das natürlich nicht für gut heiße.
Aber ich denke schon,
dass er früher oder später zu mir zurückfindet.
Ich glaube,
diese Dame, auf die er ein Auge geworfen hat,
ist nur ein kurzer Augenblick seines Interesses
und nicht der Rede wert.
Von daher,
du siehst,
ich habe kein Rachebedürfnis
und von daher auch kein Interesse daran,
meine ehrliche Treue zu verletzen.
Schon gar nicht mit dir, mein lieber Tobias.
Also, gehab dich wohl.
Ich werde jetzt die Haare von meinen Beinen entfernen
und ich wünsche dir noch einen angenehmen Tag.
Deine Loretta.