Sehen

Vierunddreißigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,

im Laufe der Zeit
haben sich sehr viele Briefe
und Postkarten von dir angesammelt.
Ich besitze einen ganzen Schuhkarton davon.

Jetzt sitze ich hier
am Esstisch
und sortiere.
Der Witz ist,
dass Anton daneben sitzt,
kommentiert,
was ich da mache,
nach dem Motto
Vergangenheit ist nur Ballast.

Aber er interessiert sich nicht dafür,
was das für Briefe tatsächlich sind.
Er schielt nicht einmal herüber,
auch nicht aus den Augenwinkeln.

Es ist wie, als würden diese Briefe nicht existieren
oder als wären sie
von meiner Großmutter geschrieben
oder einer anderen unbedeutenden Person.

Keinerlei Eifersucht,
keinerlei Wunsch zu erfahren,
was das für Briefe sind.

Und ich weiß nicht,
ob er sein Verhalten ändern würde,
würde ich es ihm erzählen und erklären.

Es kann gut sein, dass er in seiner Gleichgültigkeit bleiben würde,
obwohl ich weiß,
dass er sehr emotional werden kann.

Und auch leidenschaftlich.
Aber wahrscheinlich
zu anderen Zeitpunkten
mit anderen Personen
oder in einer anderen Verfassung.

Ich schaue mir dafür
diese Briefe umso genauer an.
Manche lese ich mehrfach,
manche überfliege ich
und dann mein altes Spiel,
die Briefe zu sortieren.

Ich habe ganz unterschiedliche Etiketten.
Und manchmal sortiere ich auch wieder um,
weil mir eine andere Ordnung mehr gefällt
oder weil ich glaube,
dass sie in anderer Gruppierung aussagekräftiger sind.

Dies ist etwas, was ich stundenlang betreiben kann,
ohne dass es mich langweilt.

Aber ich komme auch
zu ganz unterschiedlichen Erkenntnissen
innerhalb kürzester Zeit,
weil meine neue Ordnung
die alte über den Haufen wirft.

Aber in allem taucht dann
dieser eine Satz immer wieder auf.
Ich liebe dich nicht.

Du, den ich nicht liebe.

Das klingt hart und das klingt auch sehr merkwürdig dafür,
wie viel Zeit ich mit dir verbringe.

Ich beschäftige mich stundenlang
mit einem Mann,
den ich nicht liebe.

Warum? Oder ist da etwas,
was ich übersehen habe?

Ich meine, wenn ich deine Briefe mir so anschaue,
lösen sie etwas in mir aus?

Entdecke ich heißes Begehren,
dich heimlich einzuladen,
wenn Anton nicht da ist?

Obwohl man sagen könnte,
das ist ja nur körperliche Leidenschaft
und keine Liebe.

Die große Frage ist dann die,
was ist Liebe?

Das weiß ich nicht,
außer diesem einen Satz.
Ich liebe dich nicht.

Aber wozu sich grämen?
Vielleicht kannst du mich ja doch
eines Besseren belehren.

Es grüßt dich, deine Loretta.

Zugriffe gesamt: 48