Sehen
Vierundfünfzigster Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
ich sitze hier im Wohnzimmer
auf dem großen Sofa,
umgeben von einem Berg
frisch gewaschener Wäsche.
Es hat sich einiges angesammelt.
Ich falte Handtücher
und Bettwäsche,
während ich an dem Brief
an dich feile.
Mein Mann liegt auf dem anderen Sofa,
schräg gegenüber
und hält ein Nickerchen.
Er schnarcht vor sich hin.
Vielleicht ist es auch nur ein Dösen,
aber ich glaube,
nach den Geräuschen zu urteilen,
schläft er tief und fest
wie ein Kind.
Manchmal beneide ich ihn dafür,
dass er einfach so
auf den Nachmittag sich hinlegen
und einschlafen kann.
Ich bin da anders gestrickt.
Ich muss immer irgendetwas machen
und wenn es nur das Wäsche zusammenlegen ist.
Beim Falten der Handtücher
kann ich gut reflektieren
über das, was kommen wird
und ich muss dir gestehen,
ich habe sehr große Angst.
Morgen Mittag werden wir uns
bei Martina sehen
und oh,
was wird mich dieser Tag
an Tränen kosten.
Tränen, die ich jetzt schon vergieße.
Denn ich weiß nicht,
wie ich den morgigen Tag
überstehen soll.
Ich habe hier täglich
das griesgrämige Gesicht von Anton
vor den Augen,
das nur ab und zu durchbrochen wird,
wenn er friedlich schlummert
wie gerade.
Und morgen werde ich deins sehen.
Wahrscheinlich gut gelaunt.
Bis just zu dem Augenblick,
wo ich gezwungen bin,
dir zu sagen,
dass wir uns trennen müssen.
Obwohl das ja mehr als komisch ist,
da wir ja nicht zusammen sind.
Jedenfalls nicht so,
wie ich mit Anton zusammen bin.
Nein, dieser Tag morgen wird
sehr, sehr schmerzlich für mich.
Dann wird er schmerzlich für dich
und das macht meinen Schmerz
nur noch umso größer,
wenn ich dich düster und betrübt
bei Martina dann zurücklasse.
Nein, das bereitet mir keine Freude,
aber ich sehe keinen anderen Ausweg.
Wir müssen stark sein
an diesem Punkt.
Ich hoffe, du stimmst mir zu,
aber ich wüsste nicht,
wie ich sonst diese Situation
meistern sollte.
Es grüßt dich tief verwundet im Herzen,
deine Loretta.