Sehen

Vierundsechzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,

ich stehe am offenen Küchenfenster
und beobachte die Vögel
an dem Futterhäuschen,
die wir draußen angebracht haben.

Man kann von der Küche
auf den Balkon schauen
und dort habe ich
ein kleines Restaurant für die Vögel hingestellt.

Anton toleriert das,
auch wenn er Vögel
für primitive Wesen hält,
aber ich finde sie hochintelligent.

Wir haben hier eine Menge Krähen,
also eine Menge ist übertrieben,
es sind nur zwei oder drei,
aber die kommen regelmäßig
und scheinen auch direkt hier zu wohnen
und zu leben.

Krähen sind hochintelligent,
habe ich jedenfalls mal
in einer Dokumentation gesehen.

Wie gesagt,
Anton streitet das ab,
aber ich glaube,
es ist nur die Angst davor,
nicht die Krone der Schöpfung zu sein,
die ihn zu diesem Urteil kommen lassen.

Nein,
Krähen sind intelligent
und sie sind sehr treue Tiere,
ähnlich wie bei Schwänen
und ich glaube auch Pinguinen.

Einmal gewählt,
bleibt man zusammen,
ein Leben lang.

Das ist etwas,
was einerseits sehr romantisch ist,
andererseits auch Angst machen kann.

Ich beobachte dann auch gerne die Vögel
und sehe,
wie sie einfach davonfliegen.

Sie können einfach ihren Ort wechseln
nach Süden,
sie finden immer wieder zurück,
sie bleiben zusammen,
sie sind gleichzeitig frei und gebunden.

Eine interessante Mischung.

Das ist bei mir ein bisschen anders.

Ich wäre gerne frei
und brauche doch das Gebundene.

Aber das Gebundene
macht mir auch wieder Angst,
so wie du mir Angst machst.

Das heißt,
es ist nicht deine Person,
ich habe keine Angst vor dir,
sondern ich habe Angst
vor dem, was kommen könnte,
was entstünde,
dass eben die Freiheit mit dir
zu einem neuen Gefängnis wird
und man nicht wegfliegen kann
wie ein Vogel,
wie eine Krähe.

Ich meine,
wir sind keine Krähen,
obwohl wir uns gegenseitig
nicht die Augen aushacken,
aber wir sind anders gestrickt.

Wir sind halt Menschen
und Menschen haben Zweifel.

Ich glaube,
Krähen haben keinen Zweifel.

Ich glaube,
Krähen wissen sehr genau,
was sie wollen
und dann legen sie sich fest
und dann ist das so
und es ist akzeptiert
und es ist gut
und sie werden einander
auch nicht überdrüssig.

Aber werden wir uns vielleicht überdrüssig?

So wie ich Anton überdrüssig bin
und er meiner Person?

Das wäre doch traurig,
das wäre doch schade.

So kann ich nicht leben.
So will ich nicht leben.

Und darum bleibt alles
eine Weile so, wie es ist.

Schön
und ein bisschen unerträglich.

Ich schreibe dir morgen wieder,
wahrscheinlich.

Es grüßt dich,
deine Loretta.

Zugriffe gesamt: 1