Sehen
Vierundvierzigster Brief an Tobias
Tobias
Ich sitze am Küchentisch
und plane den Einkauf
für die kommende Woche.
Es wird eine ziemlich lange Liste
und Anton gibt seine Wünsche zu Protokoll,
die ich mir zu erfüllen gedenke.
Ist doch Anton bei aller Kritik
eine Person,
die bei mir bleibt
und mich nicht verlässt.
Das kann man ihm zugute halten.
Ein Philosoph,
der rumschwätzt,
aber an einem gewissen Punkt
ein Fels in der Brandung ist.
Jemand,
auf den ich mich an einem bestimmten Punkt
doch verlassen kann.
Und wenn es nur die Beständigkeit
in der Unbeständigkeit ist.
Er steht zur Ehe,
zur Institution als solcher.
Das ist kein kleiner Punkt,
nichts,
was man so einfach wegwischen sollte.
Das bringt mich auch
zu der ehemaligen Geliebten,
die du beim Bowling mit dabei hattest.
Ich habe meine Nerven ein bisschen beruhigt,
ich bin von der Empörung,
die mich verständlicherweise erfasst hatte,
ein bisschen runtergekommen.
Und jetzt beginne ich,
mich ein paar Dinge zu fragen.
Dieses Ding,
ich kenne ihren Namen nicht
und mich interessiert er auch im Moment nicht,
aber sie schien mir doch jung und hübsch zu sein.
Und das,
was ich nebenbei aufschnappte
an den Dingen,
die sie so von sich gab,
hat sie auch Verstand.
Die Frage ist,
warum ziehst du sie mir nicht vor?
Sie hängt scheinbar immer noch an dir
und ich glaube,
du könntest jederzeit bei ihr wieder landen.
Würdest du mich auch so ablegen,
so wie du deine ehemalige Geliebte abgelegt hast?
Um mich dann ab und zu
als Spielzeug hervorzukramen,
wenn du eine neue Frau zu verführen gedenkst
und dann mit mir dasselbe Spiel wiederholst?
Dich mit mir amüsierst,
nur um der anderen Dame
ein bisschen Eifersüchteleien zu bereiten?
Ist es das,
was dich antreibt?
Dann bin ich im Endeffekt austauschbar.
Und dann kommen wir wieder an den Punkt,
dass deine Gefühle mir gegenüber
nur vorgespielt sind
und ich gar keine Veranlassung habe,
mich tatsächlich von Anton zu trennen.
Dann sind meine gesamten Befürchtungen
im Endeffekt real.
Und deine Liebe ist nur Heuchelei.
Das ist der Punkt,
den du einmal bedenken solltest.
Mein lieber Tobias,
in diesem Sinne
wünsche ich dir noch einen angenehmen Abend.
Deine Loretta.