Sehen
Vierundzwanzigster Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
ich sitze seit einer Stunde
am Schreibtisch
und sortiere Rechnungen.
Bezahlt, offen, unklar.
Drei Stapel,
die sich nach und nach
auf der Tischfläche ausbreiten
wie ein kleines monetäres Landschaftsbild.
Anton sitzt im Sessel
hinter mir
und denkt laut nach.
Über die Sinnlosigkeit des Geldes,
genauer gesagt.
»Im Grunde«, sagt er,
»ist Geld nur eine Übereinkunft.«
Ich sage: »Mhm.«
Der Stapel für ›offen‹ wächst.
Das ist unsere übliche Arbeitsteilung:
ich sortiere,
er philosophiert.
Ich weiß nicht mehr,
seit wann das so ist.
Aber es ist schon so lange so,
dass es mir kaum noch auffällt.
Es fällt mir heute auf,
weil ich müde bin.
Müdigkeit macht hellsichtig.
Ich habe also drei Kategorien.
Bezahlt.
Offen.
Unklar.
Die dritte Kategorie
ist die unangenehmste,
weil sie sich nicht abarbeiten lässt.
Man kann eine offene Rechnung bezahlen.
Man kann eine bezahlte ablegen.
Aber die unklaren Posten,
die beschäftigen einen.
Die brauchen eine Entscheidung,
die ich noch nicht treffen kann
oder will.
Irgendwann, mitten im Durchblättern,
fiel mir dein Name ein.
Nicht weil ich ihn gesucht hätte.
Nein,
er war einfach da.
Ich habe kurz innegehalten.
Du bist kein Liebhaber.
Das ist klar — das habe ich mir oft genug gesagt,
und ich sage es mir auch jetzt,
während ich schreibe.
Du bist auch kein Freund.
Freundschaft hat Grenzen.
Grenzen,
die ich kenne,
und mit dir kenne ich diese nicht.
Und gleichgültig bist du mir
offensichtlich nicht,
sonst würde ich jetzt nicht schreiben,
sondern schlafen.
Was bleibt, wenn man Liebhaber,
Freund und Gleichgültiger streicht,
weiß ich nicht.
Es gibt kein Formular dafür.
Kein vorgedrucktes Feld,
in das ich deinen Namen einsetzen könnte.
Am Ende habe ich die unklaren Rechnungen
in eine eigene Mappe gelegt.
Die Mappe hat ein Beschriftungsfeld.
Noch habe ich es leer gelassen.
Ich dachte: Vielleicht später.
Vielleicht fällt mir noch ein,
was da hingehört.
Anton hat inzwischen
die Übereinkunft des Geldes
auf die Übereinkunft der Sprache ausgeweitet.
Wittgenstein lässt grüßen.
Ich höre halb zu.
Der Gedanke, den ich gerade hatte,
ist größer als das,
was er sagt.
Manche Angelegenheiten
benötigen ihre eigene Kategorie.
Die findet man nicht
auf der Vordruck-Liste.
Deine Loretta.