Sehen

Vierzehnter Brief an Tobias

Loretta Baum

Guten Abend Tobias,

es ist schon spät
und ich sitze gemütlich im Sessel
und schreibe dir diesen Brief,
während ich an einem warmen Schal stricke.

Du wirst dich fragen,
wie kann ich schreiben,
während ich stricke.
Man macht doch beides mit den Händen!?

Nun,
die Antwort ist sehr einfach.

Während die Nadeln leise klappern
und das Wollknäuel über den Teppich rollt,
schreibe ich diesen Brief im Kopf.

Im Licht der Stehlampe
formuliere ich jeden Satz so lange,
bis er sitzt
und sich mir fest ins Gedächtnis einprägt.

Die Hände sind beschäftigt
und der Kopf ist frei.

Mein Mann sitzt mir gegenüber
vor dem Fernseher,
kommentiert jede Sendung lautstark
und fragt mich alle paar Minuten,
ob ich ihm nicht auch etwas stricken könnte.

Ich antworte nur mit einem Schmunzeln
und stricke weiter.

Ich muss dir ein Geständnis machen
und du wirst mich dafür hassen.

Mir ist klargeworden,
dass ich Johannes heftig liebe –
das ist der wahre Grund,
warum ich dir so standhaft widerstehe.

Doch glücklicherweise sind wir Frauen nicht beständig.

Ich werde aufhören, ihn zu lieben,
und deine Reize werden mich bestimmt dazu bringen,
ihn schneller aufzugeben.

Du siehst deine Liebe zu mir hat etwas Gutes.
Und dafür bin ich dir dankbar.

Aber mehr darfst du nicht erwarten.

Du kennst dich zu gut,
um nicht zu glauben,
dass meine Kälte nur erheuchelt ist.

Du hast meine Augen gelobt,
hast alle anderen für mich aufgegeben…

Warum will ich dich eigentlich beruhigen?

Du glaubst,
ich will dich nur prüfen,
dass der Widerstand die Eroberung reizvoller macht.

Im Grunde wirst du mich nicht minder täuschen
als alle anderen –
und genau das ist der Grund,
warum ich nicht nachgebe.

Ich spiele mit der Hoffnung,
die ich dir gebe,
und nehme sie im nächsten Atemzug wieder zurück.

Unser Tanz ist gefährlich schön –
für uns beide.

Der Schal wächst langsam,
Faden um Faden.

Ich wünsche dir eine gute Nacht.

Deine Loretta.

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