Sehen

Vierzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Lieber Tobias,

ich sitze am Küchentisch,
es ist schon spät,
und bereite das Abendessen vor.

Es gibt wie immer bei uns,
wir sind ja Deutsche,
gutes Brot mit Tomaten
und Käse
und frischen Kräutern.

Ich glaube, mit dem Herrichten des Essens
verbringe ich mehr Zeit
als mit dem Essen selbst,
wenn man die Pausen herausnimmt,
in denen man sich schweigend anschaut.

Und so sehr auch dieses Essen zu zweit
eigentlich ein Essen ist,
was man alleine macht,
denn ich habe mit Anton
nicht viel zu besprechen beim Abendbrot,
kein Liebeswort,
keine Reflexion über den Tag,
kein Interesse am Anderen,
was er gemacht hat,
so hat doch dieses Ritual trotzdem etwas Wärmendes,
trotzdem etwas Verbindendes.

Und vielleicht ist es gerade der Moment des Rituals,
was man einerseits alleine
und andererseits doch zu zweit unternimmt.

Ich weiß nicht, ob du das nachvollziehen kannst,
weil ich glaube,
dass du manchmal in deinen Schlussfolgerungen übertreibst.

Denn du hast das, was ich dir geschrieben habe,
in den falschen Hals bekommen
und hast meine offenen,
warmen Worte mehr gedeutet,
als sie eigentlich bedeuten.

Und du hast es als Liebesbeweis angenommen,
als Liebesbeweis,
dass ich bereit wäre,
mich von Anton zu trennen
und mit dir ein Leben anzufangen.

Und da muss ich dir sagen,
da irrst du dich.

Ein Überschwang ist keine Aufkündigung der Ehe.
Ein Moment der Freude
und des liebevollen Gedenkens
ist keine Einleitung einer Scheidung.

Nein, ich muss dich da aus deinen Fantasien herausreißen,
da liegst du vollkommen
und komplett falsch.

Aber das ist es, was ich dir sagen wollte.

Du musst zwischen den Zeilen lesen.
Du musst begreifen,
was ich formuliere
und was ich schreibe,
mein lieber Tobias.

Solange du das nicht beherrschst,
wirst du bei mir auf Granit beißen.

Aber ich denke, du bist ein intelligenter Mann
und kannst meine Worte nachvollziehen.

In diesem Sinne, es grüßt dich,
deine Loretta.

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