Sehen

Viviana nennt man mich

Nico Schwarzer

Im Puff nennt man mich Viviana, während ich im bürgerlichen Leben Sandra heiße. Wie ich auf diesen Namen gekommen bin, kann ich nicht mehr sagen – ob ich ihn mir selbst ausgedacht habe oder ob die Puffmutter ihn mir gegeben hat. Das habe ich ganz einfach vergessen. Nicht vergessen habe ich aber, warum ich Hure wurde und in einem Laufhaus anheuerte.

Dazu muss man wissen: Ein Laufhaus ist eigentlich nichts anderes als ein Bordell – ein Haus über mehrere Stockwerke, die Damen stehen vor der Tür, und der Kunde geht die Treppe hoch und sucht sich eine aus. Darum Laufhaus. Aber im Grunde genommen ist es ein ordinärer Puff.

Ich habe seinerzeit Krankenschwester gelernt und in einem Altersheim gearbeitet, in dem wir die Alten medizinisch versorgt und auch gepflegt haben. Und irgendwann wischt man den alten Säcken den Arsch ab – aber so dement sie sind, so potent sind sie immer noch. Als ich mal wieder einen alten Herrn wusch und er, während ich ihm die Geschlechtsteile waschen wollte, eine Erektion bekam und mir in die Hand spritzte, dachte ich mir: Für den beschissenen Lohn soll ich mir das antun? Dann kann ich doch gleich in den Puff gehen; dort bekomme ich mehr Geld, habe weniger zu tun und kann mich um die Abendschule kümmern.

Zur selben Zeit habe ich nämlich an der Abendschule mein Abitur nachgeholt, und das war nicht einfach: tagsüber arbeiten, abends Schule und dann auch noch lernen. Ich habe daraufhin gekündigt, nachdem ich erfahren hatte, dass im Laufhaus bei uns um die Ecke eine neue Stelle für eine Prostituierte gesucht wurde. Ich habe mich dort beworben. Ich wusste, ich sehe gut aus, hatte ohnehin immer Spaß an Sex und dachte mir: Das ist wie im Altersheim, ich mache irgendwas mit Menschen. Ich wurde kurzerhand angestellt, das ging problemlos, und die Freier waren deutlich jünger als die alten Säcke im Heim.

Von daher hat mir das keine großen Probleme bereitet. Und fremde Haut anzufassen – ja, das war ich gewohnt, das war mein Job. Mir hat es nie Probleme bereitet, Hure zu sein, ganz im Gegenteil. Meist sitzt man da und wartet – für mich natürlich ideal, weil ich lernen konnte. Und dann schiebt man zwei-, dreimal am Tag eine Nummer für eine Viertelstunde und hat unterm Strich mehr Geld, als wenn man regulär arbeiten würde.

Das habe ich getan, und der Witz war, dass dann tatsächlich einer meiner Lehrer aus der Abendschule als Freier vorbeikam. Ich wusste, ich bin gut in der Schule, aber ich glaube, er hat mich immer etwas schlechter eingestuft. Nachdem er mir dort über den Weg gelaufen war, habe ich ihn mir natürlich geschnappt, durchgevögelt und ihm gesagt: „Wissen Sie, ich lerne immer fleißig, ich hoffe, dass meine Noten ab jetzt ein bisschen besser sind." Er hat es mir auch hoch und heilig versprochen, und siehe da: Die Noten wurden besser.

Als das Abi vorbei war und wir unsere kleine Feier hatten, habe ich seine Frau gesehen. Ich habe sie nicht darauf angesprochen, dass ihr Göttergatte gerne mal in den Puff geht. Ich glaube, ich hätte eher Mitleid mit ihm haben müssen. Ich glaube auch, dass es in dieser Beziehung nicht mehr viel Sex gab. Aber was soll's – dafür bin ich ja da, und mein Zeugnis ist auch hervorragend.

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