Sehen
Von wahren und falschen Schlampen
Liebe lyrischen Freunde,
kommen wir zu dem Text:
„Die falsche Schlampe“
Ein Gedicht von Rocco Brüder.
Es ist leider – ich muss es immer wieder betonen –
kein gereimtes Gedicht
und ich weiß nicht,
wieso es heutzutage so viele Fans
des ungereimten lyrischen Wortes gibt.
Ich finde, es gibt nichts Schöneres
als einen gepflegten Reim.
Aber gut, sei es an dieser Stelle genug
mit der Kritik,
was die sprachliche Verarbeitung betrifft.
Kommen wir zum Kern.
Der Autor sagt,
er kommt nach Hause.
Nun, das ist etwas,
was wir alle nachvollziehen können,
was jeden Tag passiert.
Und es ist schon dunkel.
Auch das ist nichts Ungewöhnliches.
Und dann sagt er weiterhin,
er legt sich ins Bett.
Wir fragen uns: Was will der Autor uns Kühnes mitteilen?
Und da kommt es. „Befindet sich neben mir",
so sagt der Autor,
„so eine Schlampe."
Jeder von uns hat natürlich
das Bild einer Schlampe vor sich –
ein lüsternes Weib sozusagen.
Also die Ausgeburt,
na, der Hölle kann man vielleicht nicht sagen,
aber es ist schon eine leicht frivole
und auch ein bisschen primitive Person,
ein bisschen vulgär,
aber trotzdem auch mit Leben in sich.
Also, eine Schlampe ist so eine zweigeteilte Angelegenheit.
Man möchte sie einerseits haben,
und andererseits ist es doch ein bisschen abstoßend.
Sie soll also nicht
die Mutter der eigenen Kinder werden,
aber fürs erotische Seelenheil
ist sie doch mal ab und zu ganz angebracht.
Und er stellt also fest,
es ist nicht seine Schlampe.
Es ist also eine falsche Schlampe.
Und er sagt zu ihr:
„Was machst du in meinem Bett?"
Und jetzt kontert sie
und sagt:
„Ich bin eine richtige Schlampe."
Das heißt, weil sie sich in sein Bett geschlichen hat,
ist sie eine tatsächliche und wahre Schlampe –
nicht nur eine behauptete.
Ich vermute, dass der Autor seine eigene Freundin
als Schlampe bezeichnet
und gleichzeitig weiß,
dass sie keine ist.
Er sagt also zu seiner Freundin
„Schlampe",
um es vor den Freunden ein bisschen zu zeigen,
dass man die Hosen anhat.
Wenn man in der Kneipe sitzt
und über die eigene Frau spricht
und „die Schlampe" sagt,
zeigt man an,
man ist der Boss im Haus –
was meistens aber nicht der Fall ist.
Und jetzt liegt also eine Frau
in seinem Bett,
die von sich behaupten kann:
„Ja,
ich bin tatsächlich eine Schlampe,
weil ich mich in dein Bett geschlichen habe."
Ich glaube aber, wenn wir ehrlich sind,
dann ist dieses Gedicht auch nur
die Fantasie eines Autors,
der wahrscheinlich in sexueller Enthaltsamkeit lebt
und seine Fantasie in solche Zeilen pressen muss,
um nicht ganz zu verzweifeln.