Sehen

Von weiblicher Schönheit

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Ich zieh das ärmellose Kleid an,
sagt sie.
Das blaue,
das wir damals in Mailand gekauft haben.

Oh ja, das Ärmellose.
Das Blaue.
Wie lang ist das her?
Wieviele viele Jahre?

Da war sie noch in den Zwanzigern.
Ja, sie sah sowas von gut aus.

Ich habe immer gesagt:
Ich habe die schönste Frau der Welt!

Das sagt sich so leicht,
ja.

Aber ich war – und BIN noch immer davon überzeugt.

Und nehmen wir mal nur ihren bloßen Körper.
Sie hat (wenn überhaupt)
vielleicht eine Konfektionsgröße mehr,
was ihre Bekleidung betrifft,
als vor 35 Jahren.

Ich finde das enorm.

Und ihr Gesicht? Ja, das hat Spuren hinterlassen.

Doch kein Wunder, bei all dem was wir –
insbesondere SIE –
mitgemacht haben.

Von mir will ich gar nicht reden.
Es geht ja um sie.

Eine Frau die ich kennengelernt habe
als sie noch keine 20 war.

Und wie gesagt, die Schönste.

Und heute? Was ist Schönheit.

Dieses alberne Klischee von „innerer Schönheit“
mag ich ganz und gar nicht.

Innere Schönheit. Was soll das genau sein?

Und wann immer das gesagt wird,
hab ich das Gefühl,
hier wird eine Unaufrichtigkeit artikuliert.

Wenn innere Schönheit bedeutet,
daß ein Mensch von innen her strahlt –
eine Schönheit dabei ausstrahlt –,
ja das käme dem Bild vielleicht etwas näher.

Aber sonst? – Marion –
das ist sie,
von der ich die ganze Zeit spreche,
ist objektiv gesehen vielleicht nicht mehr schön zu nennen.

(aber was heißt hier schon objektiv?)

Eine Frau in ihrem Alter schön zu nennen wäre –
nach allgemeinem Geschmack,
was die Schönheit von Frauen betrifft –
wohl vermessen.

Gut, das mit dem allgemeinen Geschmack lasse ich als „relativ“ in Frage stellen.

Aber ich denke, ihr wißt schon was ich in etwa meine.

Nun denn, was will ich hier eigentlich sagen?

Es soll um Schönheit gehen.
Die Schönheit der Frauen die im Verlauf des Alterns flöten geht.

Ja doch, machen wir uns doch nichts vor.

Wie sagt man so schön:
Der Lack ist ab.

Oh je, wann immer Marion das hört,
macht sie Geschrei!

Sie tut dann so als wollte ich sie runtermachen.

Dabei gilt das ganz allgemein,
was das Altern betrifft.

Es ist so.

Alle Menschen müssen es sich eingestehen –
und akzeptieren,
daß wenn wir altern,
sich unsere „Jugendliche Schönheit“ mehr und mehr mindert.

Was soll´s? – Es ist bei Marion nur so,
daß sie diese Tatsache nicht anerkennt.

Darin ist sie ganz bockig.

Und natürlich, wenn sie sich in den Spiegel ansieht,
weiß sie genau –
also ganz genau –,
daß es im Grunde doch stimmt.

Aber sie hadert halt.

Die frühere Wunder-Schönheit,
die heute…
wie soll ich sagen…
ihrem Alter entsprechend noch als schön gelten darf.

(merkt ihr, wie mir dieses NOCH zuwider ist…?!)

Zugriffe gesamt: 10