Sehen

Vorfreude

Claudia Carl

Er nimmt ihre zarten Finger
und küsst sie zärtlich
über zwei Kugeln Eis
im Pappbecher.

Eigentlich dürften sie nicht
an diesem Tisch sitzen,
denn hier gibt es nur Glasschalen
mit sündhaft teuren bunten Bergen
von kaltem Genuss.

Aber da wenig los ist,
kümmert es niemanden.

Erst recht nicht den gut gelaunten italienischen Kellner,
der heute die ganze Zeit
beim Bedienen singt.

Die junge Frau trägt
ein langes schwarzes Gewand,
nur ein paar goldene Bordüren
an den Ärmeln schmücken es.

Auch das beige Kopftuch
ist sehr zurückhaltend.

Sie richtet ihren Blick
auf das Gesicht des Mannes.

Er ist ungefähr in ihrem Alter,
hat die Haare korrekt
im Nacken rasiert
und einen gepflegten,
etwas längeren Bart.

Ihre Augen sind sehr neugierig.

Sie kennt ihn noch nicht lange,
sie sondiert noch
die Persönlichkeit ihres Begleiters.

Vermutlich ihr künftiger Ehemann,
aber noch tragen beide
keinen goldenen Ring,
nur sie hat
einen schmalen Silberreif
am Finger.

Vielleicht ein unauffälliger Verlobungsring,
vielleicht auch nur ein Schmuckstück.

Sie löffeln gemeinsam
in ihren Eisbechern
mit je zwei Kugeln.

Danach lehnt sich der Mann
genüsslich im Stuhl zurück,
lässt sich die Sonne
auf den Bart scheinen.

Sie schaut ihn fragend an,
sehnsüchtig nach mehr Küssen
und weiterer Aufmerksamkeit.

Da klingelt sein Telefon.

Er vertieft sich jetzt
in ein längeres Gespräch,
einen Fuß in Turnschuhen
über das andere Bein gelegt.

Sie möchte so gerne
den Kontakt halten
und sucht mit ihren hellbraunen Wanderschuhen
Kontakt zu seinem Schuh.

Er schaut sie kurz ein wenig erstaunt an,
lächelt dann aber
ein bisschen erotisiert.

Sie bleibt mit ihrem Schuh
an seinem kleben,
bis er endlich
nicht mehr telefoniert.

Sie schiebt ihm ihre Hand hin,
möchte mehr Zärtlichkeiten,
mehr Handküsse.

Er nimmt die Finger
und wackelt mit ihnen,
streicht kurz
über ihre Wange.

Er sagt etwas, über das sie lachen.

Dann gehen sie.

Die junge Frau nimmt
die beiden leeren Eisbecher,
stapelt sie aufeinander,
er schaut sie fragend
und etwas ironisch an.

Fragt vermutlich, wieso lässt du die nicht stehen?

Sie deutet auf den Mülleimer
in der Ferne,
seine gute Hausfrau in spe.

In dem Moment denkt er
an die Zukunft,
wenn sie verheiratet sind,
und sein Blick streift begehrlich
über ihr alles verdeckendes Gewand,
in seinen Augen ist sie nackt.

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