Sehen

Vorläufermodelle

Peter Muschke

Von draußen dringt das Rauschen
der Schönhauser Allee herein.
Altbauwohnung.
Halbdunkel.
Fenster gekippt.
Man ist ja saniert.
Er sitzt an seinem Schreibtisch.
Vor ihm ein Glas
schwerer Rotwein.
Zeit für schwere Gedanken.

Der Weg zu ihr
war kein gerader Pfad.
Eher eine Aneinanderreihung
von Unfällen,
die sich nachträglich
als notwendig erweisen.
Hysterische Trennungen,
bei denen Türen knallten
und Gläser durch Räume flogen.
Suiziddrohungen,
die mal ernst gemeint waren,
mal nur Theater,
aber immer laut genug,
um den anderen zu lähmen.
Tonnenweise Eifersucht,
genauso wie Gleichgültigkeit.
Frauen, die wie Puppen
monoton agierten.
Selbst im Bett.
Oder gerade da.
Ex-Freundinnen,
die eines Morgens einfach
nicht mehr da waren,
Koffer weg,
Nummer blockiert,
Spuren verwischt.
Und dazwischen die Ohrfeigen –
nicht viele,
aber die wenigen saßen.

Ein beliebter Zeitpunkt
für Trennungen,
war Ostern.
Warum konnte er auch nicht sagen.
Aber er hat mal durchgezählt
und festgestellt,
Ostern, ja Ostern
liegt statistisch vorn.
Dann die On-Off-Beziehungen.
Zusammenkommen und Schlussmachen
im Dreivierteltakt.
Er nimmt einen Schluck
und überlegt.
„Bodycount.“
Die neue Maßeinheit
für Promiskuität.
Hat er mal gehört.
Im Internet.
Frauen mit einem hohen Bodycount
sollen eine Red Flag sein.
Ist er jetzt eine Red Flag
für eine Frau?
Oder muss ein Mann
einfach erfahren sein?
Ist das eigentlich gerecht?
Der Mann der Womanizer,
die Frau noch unbescholten?
Oder ist das schon
die Vorstufe zum Pantoffelhelden,
wenn man sagt.
Gleiches Recht für alle?

Und jetzt sie.
Sie bist die Neue.
Die, die die Letzte
in der Reihe sein soll.
Die Endfrau.
Die Mutter seiner ungeborenen Kinder.
Das Glück für den langen Rest
des Lebens.
Die Auserwählte
mit dem unbefleckten Leib.
Die Göttin.
Die baldige Ehefrau.
Jedenfalls in seiner Fantasie.
Er hegt ja nur
die besten Absichten.
Und alle Frauen waren
in seltsamer Weise so
miteinander verknüpft,
das er bei ihr landen sollte.
Der Endpunkt der Suche
nach der perfekten Partnerin.
Durch das Fenster geht
ein kühler Luftzug.
Er fröstelt.

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