Sehen
Voyeur
„Wie, jeden Tag?“
Frederik lag in seinem
exklusiven Doppelbett,
die frisch gestärkte Bettwäsche
heute aus der Reinigung geholt,
den seidigen Bettüberwurf
mit dem passenden Vollant
ein wenig weggeklappt,
auf dem gläsernen Nachttisch
eine Flasche Champagner
und ein volles Glas,
und neben sich Annemarie,
die aber Ann genannt werden wollte.
Eben hatte er sie
von der Arbeit abgeholt,
Spätschicht im Rundfunkhaus.
Ja, tatsächlich, sie war Redakteurin
beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk,
und sie war gestern tatsächlich
auf seine Anmache eingegangen.
„Schätzchen“, hatte er zu ihr gesagt,
als sie neben ihm
an der Bar in seiner
Schwabinger Lieblingspinte gestanden hatte,
„darf ich dich zu einem Champus einladen?“
Okay, sie war jetzt nicht
das Kaliber, das er sonst
ins Bett holte,
Schönheitsmäßig.
Sie war nicht hässlich,
aber auch kein Model.
Aber dafür war sie intelligent.
Das zumindest vermutete Frederik,
da sie ja beim Fernsehen arbeitete.
Und genau an diesem Abend
war sie mit einem leibhaftigen Kamerateam
in die Kneipe gekommen
und hatte einige Leute interviewt.
Auch ihn.
Dann hatte sich das Kamerateam verabschiedet
und Frederik hatte schnell eingegrätscht
in die Sekunde,
bevor Ann auch gehen wollte.
Ein Glas Champagner lehnte sie nicht ab
und es wurden einige Gläser daraus.
Frederik steckte ihr irgendwann
seine Visitenkarte zu
„Optik du Clemont“ stand darauf zu lesen,
er hatte einen vornehmen,
adelig klingenden Namen,
da er von Hugenotten abstammte,
und sein Laden eine exquisite Adresse.
Ein exquisites Leben war ihm überhaupt wichtig,
er wollte so hoch in der Münchner High Society
aufsteigen wie möglich.
Dass er nun im Alter von 64 Jahren
noch mal an eine echte schlaue Dame
vom Fernsehen kommen würde,
das hätte er nicht zu träumen gewagt.
Und sie war erst 37.
Gut, die Nutten aus dem „Ekstasy“,
seinem Stamm-Puff,
waren natürlich viel jünger.
Er lud sie auch öfter zu sich
in die luxuriöse Wohnung ein,
für Fotoshootings mit Champagner und mehr.
Also mehr, das hieß halt
ein bisschen Fummeln,
hauptsächlich aber Schauen.
So richtig geil war sein bestes Stück leider nicht mehr.
Aber er fühlte sich gut als Voyeur,
allein das Wort klang doch schon so gebildet.
Die Ann aber, die Schlaue,
das war nochmal was für sein Image.
Er hörte sich schon reden,
in seinem Optikerladen,
der auch von vielen Promis aus Film und Fernsehen
frequentiert wurde.
„Meine Neue, die ist ja beim Fernsehen“,
würde ganz nebenbei sagen.
Ach, sein Herz sprang vor Stolz
bei dem Gedanken.
Ann war sexuell recht fleißig.
Eben hatte sie auf ihm herumgeritten,
dabei ordentlich gestöhnt,
er hatte nur still liegen müssen,
konnte sogar sein Glas dabei in der Hand halten.
Die Ann ging ganz schön ab.
Es dauerte auch ewig lange,
er wurde schon verdammt müde,
schließlich war es schon 1 Uhr früh.
Als sie dann endlich fertig war,
nahm sie auch ihr Glas,
sie stießen an,
und leichtfertigerweise sagte Frederik,
dem in seiner 300 Quadratmeter Wohnung oft einsam zumute war:
„Du könntest doch bei mir wohnen.“
Ann war begeistert
und sie kamen so ins Reden,
und sie teilte ihm mit,
sie wolle dann aber jeden Tag Sex.
„Wie, jeden Tag?“
Frederik gab sein Alter zu bedenken
und dass er vielleicht hin und wieder eine Pause brauche.
Sie tranken weiter und weiter
und schließlich kam Ann eine Idee.
„Kennst du das Heft ‚Happy Weekend‘?“
fragte sie.
Da könne man doch eine Anzeige aufgeben,
sagte sie.
Eine Stellenanzeige.
Sie sei nämlich sowieso nur freie Mitarbeiterin beim Fernsehen
und brauche noch einen Nebenjob.
Sie fantasierte bereits einen Text zusammen.
Frau, 37, ausgebildete Bürokauffrau,
sucht Anstellung.
Biete alle Kenntnisse am PC,
beherrsche diverse Programmiersprachen
(zum Beispiel Smalltalk),
bin pünktlich, gewissenhaft und fleißig.
In meiner Eigenschaft als leidenschaftliche Hobbyhure
bin ich jederzeit ansprechbar
für Dienstleistungen bei meinen Chefs im Büro,
ob am Schreibtisch oder im Konferenzraum.
Möchte aber nicht im Porno-Ambiente arbeiten,
sondern in einem anständigen Büro
(Arztpraxis, Kanzlei oder ähnliches),
ein gewisses intellektuelles Niveau ist mir wichtig.“
Schließlich zückte Ann ihr Smartphone
und tippte genau das hinein,
die Anzeige war aufgegeben.
Die nächsten Tage las sie ihm jeden Abend –
nach dem Sex , schwitz –
die Zuschriften vor,
die sie per Email bekommen hatte.
Ihm schwirrte der Kopf
vor lauter übergeiler Sprache.
Irgendwann hatte auch Ann genug,
und genau an dem Tag
war etwas reingekommen,
das ihr gefiel.
Ein gepflegter Herr aus einer Anwaltskanzlei
hatte ein Foto gesandt,
er trug Anzug und Krawatte,
und bot eine Stelle als Aushilfe im Büro an.
Auch sein Sohn und Kompagnon wolle gerne
ihre Dienste in Anspruch nehmen.
Da sollte sie sich bald einmal vorstellen,
schlug Frederik vor,
und gemeinsam gingen sie
zum Bewerbungstermin in die Kanzlei.
Es wurde sehr schlüpfrig,
was Frederik durchaus gefiel,
solange er mit einer Flasche Champagner
in dem schweren und sicher sündhaft teuren Ledersessel
sitzen bleiben konnte.
Die Herren beschäftigten Ann ausführlich,
so dass sie nur noch einmal die Woche Sex
von Frederik verlangte.
Damit war doch allen gedient,
fand Frederik.
Und noch dazu wurden Vater und Sohn Kunden
in seinem Optikerladen.
Als vermögende Anwälte kauften sie nur Ray Ban.
In lockeren Gesprächen mit Kunden
erwähnte Frederik nun nicht nur ganz nebenbei
seine Freundin, die beim Fernsehen,
sondern auch seine besten Freunde,
die renommierten Anwälte.