Sehen

Wald nach der Landstraße

Luiz Goldberg

Es regnete seit Stunden.
Vollkommen gleichmäßig und ohne Hast.
Ein Fest für einen Filmemacher,
der darin ein Symbol
für die perfekte Langeweile
gefunden hätte.

Ich saß in der engen Wohnung,
das Licht der Schreibtischlampe
fiel schräg über den Laptop.
Meine Finger wehrten sich dagegen,
ihn anzufassen.
Fast wie scheu.

Die Woche lag wie schwerer Beton
auf den Schultern.
Endlose Meetings.
Ohne Ergebnisse.
Perfekter Nährboden für Frustration.
Ich wollte im Augenblick nur Stille.
Vielleicht ein Glas Rotwein
und ein altes Buch,
das ich mir schon seit Jahren
vorgenommen hatte
und immer auf Seite 49
hängenblieb.

Dann das Klopfen.
Kurz, fordernd.
Sie stand im Türrahmen,
Haare klebten dunkel
an den Schläfen,
die Jacke glänzte vor Nässe.
Kein Hallo, kein Wie geht’s.
Nur dieses halbe,
schiefe Lächeln,
das immer etwas Illegales versprach.
„Komm, wir fahren weg.“
Ich sah sie an,
sah den Regen in kleinen Bächen
über ihre Stirn laufen.
„Jetzt?“ – „Genau jetzt.“
„Pffff“, kam es aus meinem Mund
und ich dachte.
‚Das passt mir jetzt gar nicht.‘

Sie zerrte mich hoch.
Ich packte mechanisch.
Eine Jacke, Schuhe,
den Hausschlüssel.
Sie wartete nicht.
Sie fuhr schnell.
Zu schnell für meinen Geschmack,
meine Stimmung und zu schnell
für die nassen Straßen.
Irgendwann fragte sie,
ohne den Blick von der Fahrbahn
zu nehmen:
„Wann hast du das letzte Mal
etwas gemacht,
das du vorher nicht geplant hattest?“
Ich schwieg.
Mir fiel nichts ein.

Wir bogen später von der Landstraße ab
und kamen einen Wald,
der immer dichter wurde.
Man roch den Regen
und die Feuchtigkeit.
Sie stellte den Motor ab.
Totenstille, nur das Prasseln.
„Raus“, sagte sie.
Ich zögerte.
Sie war schon draußen,
lachte laut,
drehte sich einmal um die eigene Achse
wie ein Kind.

Ich stieg aus.
Innerhalb von Sekunden war alles nass.
Schuhe, Jeans, Unterwäsche.
Kälte kroch die Wirbelsäule hoch.
Ich fluchte.
Sie lief voraus,
den schmalen Pfad entlang.
Ich folgte.
Der Boden glitschte,
Wurzeln griffen nach den Knöcheln.

Irgendwann rutschte sie.
Das Schauspiel ihres Falles war episch
und hatte was von Stummfilmslapstick.
Ich konnte mir ein Grinsen
nicht verkneifen.
Sie landete in einer braunen Pfütze.
Ich streckte die Hand hin,
um ihr hochzuhelfen.
Doch der Boden war wie Seife.
Und so kam es,
wie es kommen musste.
Halb zog sie mich,
halb fiel ich hin.
Wir saßen da,
halbliegend,
schlammverschmiert,
und ihr Lachen steckte mich an,
bis der Atem wehtat.

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