Sehen

Waldeslust

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Hörner klingen
in der Dunkelheit.
Individuelle Singstimmen
sind zu hören,
die weiblich,
jedoch nicht zuzuordnen sind,
sie nehmen sich fremd aus,
wie Elfengesang.

Sie zeigen sich
innerhalb eines Kreises
der in einer Waldlichtung
gelegen ist,
und sie sind verhüllt
nur mit einem transparenten Gewand
aus Gaze –
alle verschieden farbig.
Pastellgrün,
ein helles Blau,
ein schwaches Gelb –
nur helle Farben.
Sie tanzen
innerhalb des Kreises
der von einem Feuerring
umgeben ist.
In der Mitte
flammt auch ein Feuer,
meterhoch.

Keine Tiere des Waldes
sind zu sehen,
die Atmosphäre scheint unheimlich.
Wer hier das Sagen hat
ist nicht klar erkennbar.
Klar erkennbar,
ist jedoch,
daß zwei weibliche Wesen
dazukommen
die eine Bahre tragen
auf der ein Körper liegt.
Ein männlicher Körper.

Sie schreiten
auf den Feuerkreis zu
in dem der Elfengesang
weiterhin zu hören ist,
überspringen mit der Bahre,
mit dem männlichen Körper,
den Feuerring
und bewegen sich
auf das Feuer zu
das in der Mitte
hoch aufflammt
und größer wird,
weil eine junge Frau
beständig trockene Äste hineinwirft.

Die Bahre wird zu Boden gelegt.
Der männliche Körper ist nackt.
Er bewegt sich nicht.
Die Augen des Mannes,
der noch sehr jung
zu sein scheint,
sind geschlossen.
Ist er bei Bewußtsein?

Der Elfengesang wird dichter,
die jungen weiblichen Gestalten
singen sehr hoch.
Und der Gesang geht
in einen unheimlichen Rhythmus über,
der herausfordernd klingt.
So,
als forderten die Stimmen etwas,
was ihnen gehört,
was ihnen zusteht.

Eine weibliche Gestalt
mit langen schwarzen Haaren
tritt aus der Gruppe hervor
und stellt sich direkt
vor die Bahre.
Die beiden Trägerinnen
verneigen sich vor ihr.
Die Schwarzhaarige beugt sich herunter
zu dem jungen Mann
und berührt seine Brust,
sein Gesicht,
und seine Haare.

Dann sagt sie etwas laut
und im Befehlston
zu der Menge
und alle schreien sie
mit erhobenen Händen
und ein glückliches Strahlen
ist in ihren Gesichtern erkennbar.

Jede soll ihren Anteil erhalten,
jede wird befriedigt sein.
Der junge Mann,
nackt wie er daliegt
vor all den weiblichen Gestalten,
ist längst erwacht –
von der Lautstärke ihrer Stimmen,
und von dem Ausruf
der Anführerin,
die das ausgesprochen hat,
was sich sogleich vollziehen soll.

Ihn überkommt ein unvorstellbares Grauen.
Er weiß genau
was geschehen soll.
Und so beginnt das Ritual.

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