Sehen
Was uns Autoren so an Lügen auftischen
Mein verehrtes Publikum,
liebe Freunde der Erotik,
wir haben heute ein Werk
des Autors Ronald Schaller
vor uns.
Zeilen, die sehr direkt,
sehr intim sind
und sehr betroffen machen.
Der Titel dieses Gedichtes
lautet „Abschied“.
Und es spricht davon,
dass ihre Möse irgendwann
stumm blieb.
Das ist sehr interessant,
denn wie man weiß,
ein Geschlechtsteil einer Frau
spricht nicht,
auch wenn man vom Muttermund spricht.
Aber diese Schamlippen
können keinen Laut artikulieren,
jedenfalls nicht phonetisch.
Natürlich können sie zu uns
auf eine erotisch subtile Weise sprechen,
also sozusagen eine Beziehung entfesseln,
die im Mann ein Begehren auslöst,
und dieses Begehren hörte eben auf
zu existieren.
Und er formuliert es auch
in den Zeilen:
„Kein Reiz floss raus
dieser stummen Möse.“
Jetzt kommt der interessante Teil,
der sich daran anschließt:
„Der Mund schrie nicht um Hilfe.“
Das ist interessant.
Die Frau bekommt es wahrscheinlich
gar nicht mit,
dass sie keinen sexuellen Reiz mehr ausübt.
„Der Blick bleibt freundlich und leer.“
Das sind sehr wichtige Aussagen
in dieser Beziehungsdynamik,
die sich darin widerspiegelt.
Ja, sie bleibt freundlich,
scheint ihm gewogen,
aber mit einer Spur von Desinteresse
kann man es vielleicht gar nicht nennen.
Vielleicht ist diese Person
einfach nicht ebenbürtig gewesen,
so könnte man meinen.
Schaller findet den Blick
und damit auch die Persönlichkeit
als leer.
Vielleicht hat sie sich noch nicht
weiterentwickelt,
während er sozusagen reif
und reflektierter geworden ist
mit den Jahren.
Und das Ganze endet
in zwei Zeilen,
die auch noch eine gewisse
psychologische Dramatik
in sich tragen.
Und sie lauten: „Und du waberst aus meinem Leben,
wie du hineingekrochen bist.“
Er wirft ihr vor, dass sie sich aus diesem Leben entfernt,
so wie sie in sein Leben
hineingekommen ist.
Und an dieser Stelle müssen wir
dem Autor vielleicht sagen:
Ja, aber das hätte dir auch schon vorher
auffallen müssen.
Wie ist diese Person
in dein Leben gekommen,
oder hast du einfach die rosarote Brille
aufgehabt
und erst im Nachhinein hast du festgestellt,
was dir da über den Weg gelaufen ist?
Nun, wir wissen es nicht,
aber wir können diese kleine Lüge,
die der Autor hier etabliert,
dechiffrieren.
Und die große Frage ist:
Weiß es der Autor auch,
dass er uns hier etwas auftischen will?
Oder geht er galant
über diese Frage hinweg?
Oder erkennen Sie als Leser
sich hier selbst wieder?