Sehen
was wir unseren Enkeln einst erzählen werden
Berlin, irgendwann im November,
Kreuzberg, dritter Hinterhof.
Die Kneipe heißt offiziell „Zum durstigen Engel“,
aber alle sagen nur „das Loch“.
Stuck bröckelt von der Decke,
die Toilettentür hängt schief,
und der Wirt, ein alter Türke mit Goldkette,
schenkt Bier aus,
als wäre es das letzte auf Erden.
Wir sitzen in der hintersten Ecke,
dort wo das Licht der Neonröhre nicht mehr hinkommt.
Du hast deine Stiefel auf meinen Schoß gelegt,
ich kraule dir die Wade,
und wir trinken Astra aus der Flasche,
weil Gläser hier Luxus sind.
Draußen pisst es in Strömen,
drinnen spielt jemand auf dem kaputten Klavier
„As Time Goes By“ –
falsch, aber zärtlich.
Wir sind pleite,
die Miete ist überfällig,
und dein Ex studiert immer noch in Heidelberg,
aber in diesem Moment ist alles egal.
Dein Kopf liegt an meiner Schulter,
dein Haar riecht nach Regen
und dem Joint, den wir vor der Tür geteilt haben.
Ich flüstere dir ins Ohr,
dass wir irgendwann, wenn wir groß sind,
unseren Kindern erzählen werden,
wie wir hier gesessen haben –
in diesem schäbigen Loch –
und dass es das Romantischste war,
was wir je erlebt haben.
Du lachst leise und sagst:
„Die werden uns für verrückt erklären.“
Ich antworte:
„Sollen sie. Wir wissen es besser.“
Später, als die Kneipe fast leer ist,
tanzen wir eng umschlungen zwischen den Tischen,
obwohl gar keine Musik mehr läuft.
Nur das Summen der Kühltruhe
und das Tropfen des undichten Wasserhahns.
Deine Hände unter meinem Pulli,
meine Lippen an deinem Hals.
Wir küssen uns, als gäb’s kein Morgen,
und vielleicht gibt’s das auch wirklich nicht.
Irgendwann schleichen wir raus in den Regen,
laufen barfuß über den nassen Asphalt,
weil wir die Schuhe irgendwo vergessen haben.
Zu Hause, in unserer 28-Quadratmeter-Bude
mit der kaputten Heizung,
landen wir im Bett, noch feucht vom Regen,
und lieben uns langsam,
als müssten wir uns jede Berührung
für die Ewigkeit einprägen.
Jahre später,
wenn wir in einer ordentlichen Küche stehen,
mit Kindern, die am Tisch malen,
und einem Hund, der bellt, wenn’s klingelt –
dann werden wir uns ansehen
und wissen:
Das Loch in Kreuzberg war unser Paradies.
Arm, laut, dreckig und perfekt.
Und wir werden lächeln,
weil wir recht behalten haben.