Sehen
Wechselspiele der Macht
Vor dem ersten Ficken
thront sie auf dem Thron der Unberührtheit.
Sie entscheidet,
ob der Vorhang überhaupt fällt.
Ein Lächeln, ein Blick,
ein winziger Schritt zurück –
und der arme Tropf steht da
mit seinem steifen Gruß
wie ein Rekrut vor dem Kasernentor.
Sie weiß das.
Er weiß das.
Die Luft knistert vor lauter unausgesprochener Kapitulation.
Er würde sich in diesem Moment
wahrscheinlich sogar freiwillig die Eier abschneiden lassen,
wenn sie nur endlich „Ja“ sagt.
Dann passiert es.
Der erste Stoß, das erste Stöhnen,
das erste gemeinsame Keuchen.
Plötzlich dreht sich das Blatt.
Jetzt ist er drin –
im wörtlichen und übertragenen Sinn.
Er hat das Tor durchbrochen,
das heilige Tor,
und glaubt nun,
das ganze verdammte Königreich erobert zu haben.
Er liegt da, schwer atmend,
und denkt:
„Jetzt gehört sie mir.“
Ein Trugschluss von epischer Dummheit.
Er hat lediglich die Eintrittskarte gelöst.
Das Spiel beginnt erst.
Beim zehnten Mal
kennt sie jede seiner Schwächen besser als er selbst.
Sie weiß, wie lange er braucht,
wo er empfindlich ist,
wann er lügt,
wenn er „Ich komm gleich“ murmelt,
obwohl er schon seit fünf Minuten nur noch Theater spielt.
Sie hat die Landkarte seines Körpers auswendig gelernt
und malt jetzt kleine Kreuze darauf:
Hier drückt man, damit er winselt.
Dort leckt man, damit er bettelt.
Die Macht ist zurückgewandert –
still, leise, unbarmherzig.
Er merkt es erst,
wenn sie mitten im Akt auf die Uhr schaut
und fragt:
„Musst du morgen früh raus?“
Am Biertisch in der Kneipe prahlt er natürlich.
Da hat er angeblich die Macht.
Da erzählt er den Kumpels mit rotem Kopf und Schaum vor dem Mund,
wie er sie gestern wieder „durchgenudelt“ hat,
bis sie „geschrien hat wie eine Sirene“.
Die anderen nicken anerkennend,
stoßen an, klopfen ihm auf die Schulter.
Keiner glaubt ihm wirklich,
aber das macht nichts.
Hier gilt noch das alte Gesetz:
Wer am lautesten brüllt, hat recht.
Zu Hause angekommen,
steht sie in der Küche,
mustert ihn von oben bis unten
und sagt nur einen Satz:
„Du, Schatz, ich hab heute Kopfschmerzen.“
Spiel, Satz und Sieg.
So pendelt die Macht hin und her
wie ein betrunkener Pendel.
Mal hat sie ihn an den Eiern,
mal glaubt er, sie an den Eiern zu haben –
was biologisch ohnehin schwierig wäre.
Am Ende gewinnt immer derselbe:
derjenige, der gerade nicht so dringend muss.
Und das ist selten der,
der es am lautesten behauptet.
Darum prost, ihr Helden der Biertische.
Erzählt euch eure Geschichten.
Irgendwo lacht gerade eine Frau,
weil sie genau weiß,
wer heute Nacht wieder auf dem Sofa schläft.
Und morgen früh wird sie ihm Kaffee ans Bett bringen –
mit diesem ganz bestimmten Lächeln,
das sagt:
„Du armer, kleiner König ohne Reich.“