Sehen

Wehmut

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Ein trauriger Tag.
Manchmal fühl ich mich so traurig.
Wenn die Stimmung danach ist.
Oder wenn mir etwas widerfahren ist,
was mich traurig stimmt…
und genau das ist heute der Fall.

Ich sah Bernadette wieder.
Nach 47 Jahren.
Das letzte Mal habe ich sie
bei der Ferienfreizeit in Tirol gesehen,
die von unserer Kirchengemeinde unternommen wurde.

Das war gut ein Jahr
bevor ich meine erste Freundin kennengelernt hatte.
Bernadette war die erste –
in die ich damals,
als 15jähriger Teenager verliebt war.

Ich kann es gar nicht mehr glauben.
Ihr Gesicht war so wunderschön,
ihre Wangen waren wie frische pralle Äpfel,
und ihre dicken dunklen Zöpfe
gingen ihr bis zu den Hüften.

Ich glaube sie wußte ganz genau,
daß ich verliebt in sie war.
Sie hat mich immer so geneckt,
mit ihrem derben Humor,
den sie am liebsten im Beisein
ihrer besten Freundin Inge verstreut hat.

Habe ich bei ihr eigentlich an Sex gedacht?
Ich glaube eher nicht.
Sie war mir zu – wie soll ich sagen –,
zu… schade dazu?
Sowas wie…
wenn einem etwas „heilig“ ist.
Aber im profanen Sinne.

Ja, das ging gar nicht.
Nicht bei Bernadette.
Ich träumte vielmehr von einem Kuß.

Der kam dann erst gut anderthalb Jahre später,
da war ich schon mit Angelika zusammen,
und auf einer gemeinsamen Geburtstagsparty von Oliver,
gab´s da so Spielchen.

Und bei Wahrheit oder Pflicht,
kam es dann,
daß ich Bernadette
einen saftigen Kuß geben mußte.
Oha, das war hart für mich.

Ich hätte sie so liebend gern irgendwo –
allein, im Park oder so – geküßt.
Auch wäre ich gern von Bernadette –
auf ihre Initiative hin – geküßt worden.

Aber das war reine Spinnerei von mir.
– Und heute,
auf dem Marktplatz,
als ich sie sofort erkannte –
an ihrem Gesicht,
an ihrer Haltung,
ihrer Körpersprache –,
da war mir so…
ich weiß nicht,
so traurig zumute.

Wenn man so schön sagt:
Du hast dich überhaupt nicht verändert…
dann ist das mehr als gelogen.
Insbesondere nach so langer Zeit.

Da wir gleichaltrig sind,
ist sie wie ich 62 Jahre alt.
Ihr Gesicht ist noch als Bernadette-Gesicht erkennbar.

Und aus ihren langen dunklen Zöpfen,
ist eine graue Ältere-Dame-Frisur geworden.
Zum heulen.

Ich habe von Peter gehört,
sie ist sowas wie ne Universitätsprofessorin
an der Uni Göttingen.
Hui.

Aber nicht deshalb hab ich mich nicht getraut
auf sie zuzugehen
und sie anzusprechen.

Ich war einfach mit meinen Gedanken und Gefühlen
so sehr bei der Bernadette von damals,
daß ich eine Begrüßung
im Hier und Heute nicht verkraftet hätte.

Ich glaube ich wäre in Tränen ausgebrochen.
Es gibt so Gefühle,
die einen überwältigen.
Es hat mich einfach fertiggemacht.

Eine Art schmerzende Wehmut,
die so tief in meinem Innern reingeht,
daß ich´s nicht beschreiben kann.

So tief in die Brust rein,
daß sich mein Herz beklommen fühlte.

Als hätte mein Herz plötzlich ein Eigenleben,
und als hätte mein Herz mir diese Zurückhaltung auferlegt.

Bloß nicht zu ihr hin!
Schau sie dir nur aus der Ferne an.

Es ist noch genau dieselbe Bernadette.
Genauso wie du noch derselbe von damals bist.

Aber das gerade ist es ja,
was mich so fertig macht:
Dieses „Damals“ –
im ZUSAMMENHANG mit dem „Heute“.

Genau das, hat meine Gefühle hervorgebracht.

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