Sehen
wenn Betten sprechen könnten
Stadtgeschichten –
die wirklich guten, die schmutzigen,
die könnten nur die Bettgestelle erzählen.
Diese knarzenden, fleckigen,
manchmal durchgelegenen Zeugen der Nächte,
die sich in den Altbauwohnungen,
Stundenhotels
und WG-Zimmern dieser Stadt stapeln
wie vergessene Geständnisse.
Da ist das Eisenbett in der Neuköllner Dachkammer,
das seit Jahren jedes Stöhnen
einer 28-jährigen Grafikerin speichert,
die sich freitags von Tinder-Typen durchvögeln lässt,
die alle „anders“ sein wollen
und doch immer dasselbe wollen.
Das Gestell hat gelernt,
dass „anders“ meist bedeutet:
von hinten, ohne Kuss, mit Handy in der Hand.
Es quietscht nur noch,
wenn sie wieder mal „nur kuscheln“ versprochen hat
und dann doch die Beine breit macht,
weil sie die Einsamkeit nicht aushält.
Gleich nebenan, im Wedding,
steht ein Wasserbett aus den Neunzigern,
das noch immer leicht schwappt,
wenn der 45-jährige Familienvater
heimlich seine Affären aus dem Büro empfängt.
Seine Frau glaubt, er sei beim Sport.
Das Bett weiß:
Er ist beim Sport –
nur mit anderer Mannschaft.
Es hat die Flecken von drei verschiedenen Parfüms
in sich aufgesogen
und schweigt tapfer,
wenn die Kinder morgens fragen,
warum Papa so müde ist.
In Kreuzberg quietscht ein altes Holzgestell
in einer WG-Küche, die nachts zum Liebesnest wird.
Dort teilen sich zwei Studentinnen
abwechselnd denselben Typen,
weil „Polyamorie ja voll emanzipiert“ ist.
Das Bett hat mitbekommen,
wie aus „Wir sind alle frei“
schnell „Warum schreibst du ihr schneller zurück als mir?“ wurde.
Seitdem knarzt es vor Ironie.
Und dann das Luxus-Boxspringbett in Mitte,
das einem Influencer-Paar gehört.
Tagsüber posen sie makellos für Instagram,
nachts ficken sie sich die Seele aus dem Leib –
aber nur, wenn die Ringlicht-Kamera läuft.
Das Bett hat schon mehrfach erlebt,
wie nach dem „Cut!“ die Tränen kamen,
weil „es sich einfach nicht echt anfühlt“.
Es könnte ein Buch schreiben:
„Fifty Shades of Fake“.
In Charlottenburg steht ein antikes Himmelbett,
das seit Jahrzehnten einer 78-jährigen Witwe gehört.
Jeden zweiten Dienstag kommt ein diskreter Herr mit Aktenkoffer.
Sie tragen noch immer Strapse,
er grau melierte Schläfen.
Das Bett hat die junge Liebe gekannt,
die wilde, die verbotene
und jetzt die letzte.
Es quietscht kaum noch –
aus Respekt.
Die Stadt ist voller solcher Betten.
Manche stöhnen, manche knarzen, manche schweigen eisern.
Sie alle wissen:
Die schönsten Geschichten passieren nicht auf den Straßen,
nicht in den Bars, nicht auf den Dächern bei Sonnenuntergang.
Sie passieren horizontal.
Zwischen Laken, die längst hätten gewaschen werden müssen.
Unter Decken, die zu viel gesehen haben.
Und wenn mal ehrlich:
Würden die Bettgestelle wirklich reden können –
wir würden vor Scham im Boden versinken.
Oder sofort wieder ins nächste springen.