Sehen

Wenn es juckt

Charles Haiku

Der Frühling hat wieder zugeschlagen,
dieses hinterhältige Biest.

Überall blüht und duftet es,
als wollte die Natur beweisen,
dass sie noch potenter ist
als jeder Viagra-gestützte Rentner auf St. Pauli.

Die Wiese vor meinem Fenster
steht knöchelhoch in gelbem Dreck,
Pollen tanzen wie betrunkene Spermien durch die Luft,
und meine Nase fühlt sich an,
als hätte jemand einen Staubsauger rückwärts eingeschaltet.

Niesen, Schniefen, Tränen –
ein einziger biologischer Katarrh.

Normalerweise würde ich jetzt fluchen,
die Rollläden runterlassen
und mir wünschen,
dass wenigstens die Bienen einen Kollektiv-Kater kriegen.

Aber diesmal nicht.

Denn gestern stand sie plötzlich da.
Mitten im Park,
zwischen all den schniefenden Allergikern
und den Typen, die mit freiem Oberkörper
ihre Bäuche in die Sonne halten,
als wäre das ein Verdienst.

Sie hatte dieses eine Lächeln.
Nicht das aufgesetzte „Ich lächle, weil die Kamera läuft“-Grinsen
der Influencerinnen,
auch nicht das mitleidige
„Armer Schatz, du siehst aus wie eine rote Ampel“-Lächeln meiner Ex.

Nein.
Ein echtes.
Eins, das sagte:
„Hey, die Welt ist gerade ziemlich geil, oder?“

Sie trug ein viel zu großes weißes Hemd,
das ihr bis Mitte Oberschenkel ging,
darunter vermutlich nichts weiter als gute Laune.

Ihre Haare waren ein einziges Chaos,
als hätte sie gerade großartigen Sex gehabt –
oder einfach nur vergessen, sie zu kämmen,
was bei Frauen ja oft dasselbe ist.

Sie kickte barfuß durchs Gras,
lachte über irgendwas, das ihr Hund verbockt hatte,
und dann traf mich dieser Blick.

Drei Sekunden vielleicht.
Vielleicht vier.

Aber in diesen vier Sekunden
war die gesamte Pollenhölle
plötzlich nur noch ein lächerlicher Nebenkriegsschauplatz.

Meine Nase lief weiter wie ein kaputter Wasserhahn.
Meine Augen tränten, als hätte ich in eine Zwiebel gebissen.
Mein Kopf fühlte sich an wie ein Reifen,
den jemand mit einem Vorschlaghammer bearbeitet.

Und trotzdem:
In meinem Brustkorb passierte etwas,
das man früher wohl „Verliebtheit“ nannte,
bevor man wusste,
dass es nur ein vorübergehender Dopamin-Rausch ist.

Ich habe sie nicht angesprochen.
Natürlich nicht.

Ich stand da wie ein Trottel mit Taschentuch in der Hand
und Rotz im Gesicht,
während sie weiterlief,
als wäre nichts gewesen.

Aber das macht nichts.
Manchmal reicht so ein Moment.

Ein Lächeln, das einem sagt:
Ja, es gibt sie noch,
die Frauen, die einen anschauen,
als wäre man nicht nur ein weiterer schniefender Loser in Jogginghose.

Die Pollen können mich mal kreuzweise.
Meine Nase kann explodieren.
Der Frühling kann sich sein ganzes gelbes Pulver sonst wohin streuen.

Ich hab gestern ein Mädchen gesehen,
das mich angelächelt hat –
und zwar so, als würde sie mich tatsächlich sehen.

Das reicht für die nächsten drei Monate.
Mindestlohn im Herzen.

Und wenn die Allergie irgendwann wieder zuschlägt,
denk ich einfach an dieses Lächeln
und grinse zurück ins Taschentuch.

Gesundheit!

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