Sehen
Wunschvorstellungen
Können Augen tatsächlich leuchten?
Sie sieht einer Orientalin ähnlich.
Ihr tiefschwarzes Haar ist bläulich durchzogen.
In ihrer Hand hält sie eine kostbare Opiumpfeife,
die ihr Bruder ihr aus Kambodscha mitgebracht hat.
Sie fragte ihn dann auch tatsächlich nach Opium.
Doch ihr Bruder sagte ihr,
sie brauche so etwas nicht.
Sie könne auch so einen Trip erleben,
sie bräuchte sich nur hinzulegen
und die Augen zu schließen,
und dann über sich selbst nachzudenken,
was sie alles ist,
was sie alles war,
was sie alles sein wird.
Das war irre. Sie hat es tatsächlich versucht
und ihm am anderen Tag
ihren Drogen-losen Trip geschildert.
Sie sei nackt gewesen,
liegend auf einem sehr warmen Felsen
an einem balinesischen Strand.
Dann sei ein Einheimischer junger Mann gekommen
der sie zunächst beobachtet hat.
Sie hat ihn kommen gesehen.
Sie schloß ihre Augen
und stellte sich schlafend.
Es stellte sich heraus,
daß es ein Junge von etwa 16 Jahren war,
der neugierig auf eine europäische nackte Frau war –,
was nicht besonders wunderlich war.
Wunderlich allerdings war,
daß dieser Junge so schön wie ein Engel war.
Sie zog ihn an sich
und liebkoste ihn wie eine schöne Katze.
Dann wachte sie auf.
Und im gleichen Moment erkannte sie,
daß ihr Bruder in einer anderen Ecke
des großen Raumes mit einer Frau schlief.
Da wußte sie, woher die stöhnenden Geräusche herkamen
von denen sie wach wurde.
Sie stand auf und ging zu ihnen hinüber,
stand direkt vor dem Bett
in dem sie sich liebten,
ohne sie zu bemerken.
Das Bett war groß genug
um noch eine Person darin aufzunehmen,
und so entkleidete sie sich
und legte sich zu dem sich liebenden nackten Paar.
Ihren Bruder ließ sie zunächst in Ruhe
und betastete und streichelte allein
den Körper der jungen Frau.
An dieser Stelle bemerkte das Paar,
daß eine dritte Person sich zu ihnen gesellt hatte.
Der Bruder war sehr erstaunt,
daß seine Schwester –
es war seine Halbschwester,
sie hatten nur denselben Vater –,
so frei war,
sich hier dazuzulegen.
Und dann zeigte sich,
daß sie eine erotische Bereicherung wurde,
denn ihre Aktivitäten waren von ausgesuchter Raffinesse
und in völlig schamloser Weise übernahm sie
mehr und mehr die Führung des Geschehens.
Es war so erotisch-ekstatisch,
daß alle drei in höchsten Wonnen sich wähnten
und sie stachelte beide immer mehr
mit unflätigen Forderungen auf,
die sie auch prompt erfüllten –
bis Schreie ihnen erhöhte Lust machte
und – sie, dann – wirklich aufwachte.
– Sie dachte über ihren Trip nach,
der ja nur ein Traum war –,
und es wurde ihr bewußt,
daß menschliche Bewußtseinszustände
so unterschiedlich sein können,
wie die Menschen selbst –
und die Auslöser dieser Zustände –
ob durch euphorische Freude hervorgerufen,
durch Träume verursacht,
durch Drogen,
Fieberträume,
Psychosen,
oder Wahnvorstellungen,
durch Halluzinationen,
durch Orgasmen
oder durch Visionen –,
oft nicht steuerbar sind.
Aber sie wußte, daß sie sich stets positive,
schöne Bewußtseinszustände wünschte.