Sehen
Zehnter Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
ich sitze auf der alten Gartenbank
und schreibe dir diesen Brief,
während ich zwischendurch
das Unkraut zwischen meinen Rosen herausziehe.
Die Erde klebt unter meinen Fingernägeln,
die Sonne wärmt mir den Rücken,
und ein paar Bienen summen geschäftig
um die Blüten.
Es ist Wochenende und wir sind hier
in unserem Häuschen auf dem Lande.
Es ist so friedlich hier. Fast schon ein Paradies
und ich frage mich, ob ich nicht so für den Rest meines Lebens
so leben könnte.
Mein Mann liegt derweil faul
in der Hängematte
unter dem Apfelbaum
und hält lautstarke philosophische Vorträge darüber,
warum man die Natur nicht zähmen,
sondern einfach wild wuchern lassen sollte.
Ich höre ihm mit halbem Ohr zu
und lass ihn erzählen.
Man soll Männer
in solchen Momenten
nicht unterbrechen.
Du solltest eigentlich zufrieden sein,
mein Lieber.
Ich höre dir zu.
Ich schreibe dir zurück.
Beides sind Dinge, die sich für eine verheiratete Frau
eigentlich nicht schicken.
Und trotzdem tue ich es.
Manchmal frage ich mich allerdings selbst,
ob dieser Briefwechsel –
so unschuldig er mir auch scheinen mag –
nicht doch schon ein kleines Vergehen ist.
So sehr ich wünsche,
dass er harmlos sei…
ganz sicher bin ich mir nicht mehr.
Ach, Tobias. Beenden wir dieses Spiel.
Es langweilt mich.
Während ich hier das Unkraut aus den Beeten ziehe,
denke ich:
So ist es wohl auch mit Beziehungen.
Man muss sie pflegen,
sonst überwuchert das Unkraut alles.
Aber wenn man zu streng ordnet
und zähmt,
erstickt man auch das Wilde
und Lebendige darin.
Man findet nie das richtige Maß.
Ich genieße deine Aufmerksamkeit mehr,
als ich sollte –
und genau das macht mich unruhig.
Dennoch bleibe ich dabei:
Dieses Spiel führt zu nichts Gutem.
Ich werde meine Ehe nicht gefährden,
so unvollkommen sie auch sein mag.
Die Sonne steht schon tiefer.
Ich muss meine Gartenarbeit beenden,
bevor es dunkel wird.
Ich wünsche dir einen schönen,
hoffentlich ruhigeren Abend.
Deine Loretta