Sehen
Zeitenräuber
Ein äußerst unangenehmer Hausbewohner – und man muss eigentlich sagen: Ungeziefer – ist der Zeitenräuber. Der Zeitenräuber haust in jeder Nische, in jeder Ecke einer Wohnung. Er kriecht unter die Bettdecke, in die Kleidung. Er nistet sich an den unmöglichsten Stellen ein, sowohl des Körpers als auch der Umgebung. Und dort manipuliert er das Bewusstsein der anwesenden Personen, die daraufhin feststellen müssen, dass die Zeit schon wieder extrem schnell vergangen ist – mit einer Geschwindigkeit, die kaum nachzuvollziehen ist.
Der Zeitenräuber greift sich hier eine Minute, dort eine. Er verleitet einen dazu, Dinge zu tun, die absolut sinnbefreit sind: das Ansehen belangloser Filmchen auf dem Handy, die noch nicht einmal zur Weiterbildung oder zur Informationsgewinnung taugen. Einfach nur öde, bekloppte, sinnlose Filmchen, von denen man trotzdem nicht loskommt. Der Zeitenräuber lebt davon. Er frisst die Zeit, die andere sinnlos vergeudet haben.
Aber er labt sich auch an der Zeit, die man sehr schön verbracht hat und die so rasch im Flug vergeht, dass man trauert, sie nicht festhalten zu können. Der Kuss eines jungen Mannes und einer wunderschönen Frau, die er zum allerersten Mal in seinen Armen hält. Und er wünscht sich, dass dieser Moment ewig währt, weil die Glücksgefühle ihn bis unter die Haarspitzen erfüllen. Aber der Zeitenräuber ist unerbittlich. Er nistet sich auch dort ein. Und diese Sekunde, die eigentlich eine Ewigkeit dauern sollte, ist schon wieder vorbei. Unwiederbringlich abgehakt.
Das Einzige, worauf Verlass ist, ist, dass der Zeitenräuber einem Spuren im Gedächtnis hinterlässt. Man kann sich an die Momente erinnern, und doch fühlt man nur eine Ahnung dessen, was geschehen ist, weil es ja so kurz empfunden wurde. Und das ist das Grausame. Man weiß, es ist geschehen. Man weiß, es war wunderbar. Aber der Zeitenräuber dampft es auf gefühlt ein paar Sekunden zusammen, sodass selbst der Genuss im Nachhinein eine Qual ist. Eine Qual, weil man sich nur noch an einen wunderschönen Moment erinnern kann, der so stark komprimiert und zusammengepresst ist, dass man eigentlich nur noch traurig darüber weinen könnte.
Der Zeitenräuber ist nicht totzukriegen. Man kann ihn nicht ausrotten. Man kann ihn nicht aufs Kreuz legen. Der Zeitenräuber frisst sich unerbittlich voran, so wie ein Pendel unerbittlich in einer Uhr schlägt. Und alles, was man kann, ist, sich zu arrangieren und den Augenblick zu genießen.