Sehen
Zosine
Mein Name ist Zosine, und als ich hörte, dass es gegen Troja einen Feldzug geben würde, ahnte ich Böses. Ich wusste, dass mein Ehemann an diesem Feldzug teilnehmen würde. Wir hatten gerade zwei Kinder gezeugt, die beide noch sehr klein waren. Und ich weiß, dass er hin- und hergerissen war, ob er mitgehen oder bleiben sollte. In jedem Fall hätte er ein schlechtes Gewissen gehabt – entweder die Frau zu enttäuschen oder den König. Er ist mitgegangen, und ich wusste nicht, ob ich ihn je wiedersehen würde, und wann, und in welcher Verfassung.
Aber auch die Zeit hier war hart, ohne einen Ehemann. Der gesamte Betrieb musste ja aufrechterhalten werden: die Schafe auf die Weide, der Boden bestellt – und das alles ohne Mann ist schwer. Natürlich hatte ich Hilfe, so wie alle anderen Frauen unserer Insel auch. Aber wenn hundert Mann weg sind, dann spürt man das. Und man liegt eben abends allein im Bett. Es ist niemand da, der einen in den Schlaf streichelt oder ein liebes Wort sagt. Und das in der Blüte meiner Jahre.
Und wenn er wiederkommt, fragte ich mich, wie werden seine Augen sein? Erloschen vom Leid, das er gesehen hat? Wird es ein Fremder sein, der mir dann gegenübertritt? Wird es jemand sein, den ich vielleicht gar nicht mehr lieben kann, weil er sich so verändert hat, dass er nicht mehr der Person gleicht, in die ich mich einst verliebt hatte? Das alles ging mir durch den Sinn. Das alles fragte ich mich, als ich die Schiffe sah, wie sie aus dem Hafen ausliefen und davonsegelten, bis sie in der Ferne verschwanden.
Und Tag um Tag wartete man auf Nachrichten. Es kamen aber keine. Es kamen manchmal Gerüchte: Troja sei gefallen. Nein, Troja lebe noch. Troja habe gesiegt. Troja sei doch gefallen. Und so ging es hin und her. Die Tage zogen ins Land. Die Kinder wurden größer und fragten nach ihrem Vater. Und ich sagte, er sei in Troja und kämpfe dort tapfer. Was sollte ich auch anderes sagen? Jede hoffte, dass sie keine schlechte Nachricht erhielte, dass er nicht in den Hades eingezogen sei. Manche fingen auch an, mit anderen Männern etwas anzufangen, weil die Sehnsucht nach Zärtlichkeit so groß wurde. Wir haben nichts gesagt. Wir haben es missbilligend, aber schweigend hingenommen – wohl wissend, dass man sich selbst bei dem Gedanken ertappte, ob es nicht vielleicht besser wäre, sich einen neuen Mann zu suchen, weil ja unklar war, ob der alte überhaupt noch lebte. Was soll man tun, wenn man greis ist und dann erfährt, dass der Mann schon vor fünfzig Jahren gestorben ist? Soll man so sein Leben verbringen?
Aber er kam wieder. Er war nicht einer von Odysseus' Leuten, von denen man später sagte, sie seien alle gestorben, außer Odysseus selbst. Nein, er war unter der Flagge des Achill gesegelt, der aber ebenfalls im Kampf gefallen ist. Mein Mann hat nicht viel erzählt. Er hat nicht geprahlt. Er hat es aber auch nicht ganz verschwiegen. Ab und zu ein Wort, dass es hart gewesen sei, aber dass man es habe aushalten können. Was er genau erlebt hat, weiß nur er selbst.