Sehen
Zwanzigster Brief an Tobias
Lieber Tobias,
zwischen jedem dritten Wort,
welches ich zu Papier bringe,
fällt ein nervtötender Wassertropfen
aus dem Wasserhahn
in die Küchenspüle
und das Geräusch,
welches daraus entsteht,
kriecht mir langsam
in den Schädel.
Ich habe Anton gebeten,
den Wasserhahn zu reparieren,
wozu hat man einen Mann im Haus.
Aber er hat das abgelehnt,
du kannst es dir vorstellen:
Als Philosoph ist man zu Höherem berufen,
nicht zu solch profanen Dingen
und er hat auf die Hausverwaltung verwiesen
und gesagt:
Ich soll den Hausmeister anrufen
und nun sitze ich hier
und warte,
dass dieser vorbeikommt
und alles wieder instand setzt.
Anton sitzt derweil
in seinem Arbeitszimmer
und bringt wichtige Gedanken zu Papier,
während ich meine
an dich ebenso niederschreibe.
Plong.
Wieder löst sich ein Wassertropfen.
Ich habe in letzter Zeit das Gefühl,
dass ich vieles nicht zu Ende denke.
Sätze, die ich anfange
und irgendwo in der Mitte aufgebe.
Gedanken, die sich aufmachen
und dann doch nicht ankommen.
Es gibt da zum Beispiel einen Satz —
ich weiß nicht,
ob du weißt,
welchen ich meine —,
der immer wieder anfängt
und nie fertig wird.
Er fängt so an:
»Und vielleicht...«
Und dann ist er weg.
Ich ziehe die Reißleine,
bevor ich weiß,
was danach kommt.
Vielleicht weil ich es weiß.
Pling.
Der nächste Tropfen fällt.
Es gibt Momente, da fragt man sich,
warum man überhaupt reparieren lässt,
statt einfach einen neuen Hahn zu kaufen.
Aber so ist das Leben,
nicht wahr?
Man flickert weiter an Dingen,
die eigentlich schon alt und kaputt sind —
an Hähnen,
an Ehen,
an Gewohnheiten,
an Sätzen,
die man sich selbst gegenüber
immer wieder angefangen hat.
Und hofft, dass irgendwann jemand kommt,
der es endlich richtig hinbekommt.
Oder dass man selbst
den Mut aufbringt,
einfach fertig zu denken,
was man angefangen hat zu denken.
Und vielleicht —
Es klingelt. Der Hausmeister.
Der Hahn weigert sich weiter zu tropfen.
Den Satz bekomme ich auch nicht zu Ende.
Bis zum nächsten Mal.
Deine Loretta.