Sehen

Zweiter Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Bert Tobias, schön, dass du mir geantwortet hast und ich finde es spannend, was du so über Treue und Vertrauen mir erzählst.
Das klingt alles gut, aber sie verhindern halt anderweitige Vergnügungen und das ist kein guter Tausch.
Außerdem, Männer sind mir zu anspruchsvoll.
Ihr wollt die volle Aufmerksamkeit einer Frau und jede Ablenkung gilt euch als Verrat, aber das ist etwas, das kann ich nicht leisten.
Ja, ich bin einfach nicht die Richtige.
Ja, du würdest mich bald nervig finden.
Ich bin zerstreut und leichtfertig.
Du würdest mich nicht lange genug lieben.
Ja, und ich wäre dann dumm, weil ich es bedauern würde.
Und dann kann ich dir einfach nur sagen, nein, Liebe macht einfach schlechte Laune.
Liebe muss ernst sein.
Ja, und du fängst schon klagend an.
Ich müsste deinen traurigen Ton einfach übernehmen und das will ich nicht.
Das entspricht nicht meinem Sein.
Und weißt du, ein Mann, der erwartet, dass eine Frau ihn respektiert und eigentlich sogar gehorcht, auch in modernen Zeiten.
Ich bin klug genug, um zu wissen, dass das zwar offiziell geleugnet wird, aber die Realität sieht doch anders aus.
Aber ich gehöre einfach niemandem.
Und mein Mann, mein Freund, er lässt mir einfach alle Freiheiten.
Und ein Liebhaber könnte das nicht, denn der wäre eifersüchtig.
Der Reiz des Verbotenen, ach, das funktioniert bei mir einfach nicht, weil mein Mann mir ja nichts verbietet.
Also, du siehst, das wird nichts mit uns beiden.
Und weil du wissen wolltest, was ich heute mache, nein, ich werde nicht ins Kino gehen, ich gehe auch nicht ins Theater.
Ich bin krank und bleibe zu Hause.
Ansonsten mache ich nicht sehr viel.
Vielleicht werde ich mich auf die Couch legen und ein gutes Buch lesen.
Und das war es auch schon.
Mein Lieber, ich danke dir trotzdem für deine netten Worte.
Und ja, bis bald.
Man sieht sich, man hört sich.
Vielleicht können wir uns ja mal auf einen Kaffee treffen.
Aber mehr ist nicht drin, mein Lieber.
Also, tschüss.

Loretta

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