Sehen
Zweiunddreißigster Brief an Tobias
Lieber Tobias
Vielleicht kennst du den Markt
bei mir um die Ecke.
Ich sitze dort auf einer Bank,
den Korb voller frischer Sachen,
und sehe zu,
wie die Händler ihre Stände abbauen,
während ich an dich diese Zeilen schreibe.
Anton ist zu Hause geblieben.
Er hat mir nur vage mitgeteilt,
was ich ihm mitbringen soll.
Er muss wichtige Gedanken ordnen,
wie die Herren Philosophen halt so sind,
wahrscheinlich in einem guten Buch lesen
und dann sich inspirieren lassen,
damit ihm trotzdem nichts einfällt.
Ja,
so böse kann ich sein.
Und ich glaube,
ich muss auch einmal böse zu dir sein,
denn deine Liebe beleidigt mich.
Du sagst,
dass du mich liebst,
und nein,
ich kann es nicht glauben,
weil ich denke,
dass du glaubst,
dass ich leichter zu besiegen bin
als andere.
Und wie ich dir schon mal gesagt habe,
so gewinnt man meine Liebe nicht.
Also,
es wird allein von dir abhängen,
ob du meine Achtung gewinnst.
Jetzt wirst du sagen,
du willst meine Liebe.
Ja,
und Achtung ist die Voraussetzung von Liebe.
Jemanden,
den ich nicht achte,
kann ich nicht lieben.
Anton liebe ich nicht,
denn ich achte ihn nicht.
Jedenfalls nicht so sehr,
dass man sagen könnte,
ich liebe ihn.
Ich achte ihn als meinen Ehemann.
Aber das sind zwei verschiedene Dinge.
Die Ehe und die Liebe,
jedenfalls die romantische,
befinden sich auf ganz verschiedenen Spielfeldern.
Darum möchte ich ja auch nicht,
dass du mein Ehemann wirst,
sondern die Chance hast,
dass ich sage,
ich liebe dich.
Aber das ist etwas,
was du dir verdienen musst.
Und es ist dein Verhalten,
das darüber entscheidet.
Es sind nicht Briefe,
es sind nicht Worte,
die man so dahinsagt
und sich nicht daran gebunden fühlt,
im Endeffekt,
in der Not.
Dann,
wenn es darauf ankommt,
im heiklen Moment.
Es steht schon in der Bibel,
an ihren Taten sollt ihr sie erkennen.
Und das heißt,
nicht an den Worten,
nicht an den schönen Worten,
die mich umschmeicheln
und mich zu Fall bringen sollen.
Nein,
das wäre zu billig,
das wäre zu primitiv
und meiner nicht würdig.
Und im Endeffekt
wäre es auch deiner nicht würdig.
Denn ich setze mal voraus,
dass du eine Frau möchtest,
die über gewisse Qualitäten verfügt.
Und ich meine dabei nicht die Qualitäten,
die man im Bett gern am anderen schätzt,
sondern Qualitäten,
die weit darüber hinausgehen,
die in meiner Persönlichkeit begründet liegen.
Jedenfalls hoffe ich,
dass du so denkst.
Und dieses Denken
wirst du unter Beweis stellen müssen.
Wenn du denn tatsächlich
um meine Liebe buhlst.
In diesem Sinne
wünsche ich dir noch einen schönen Tag.
Deine Loretta.