Sehen
Zweiundsechzigster Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
ich kniee über dem Wäschekorb
und sortiere die Wäsche
nach hell und dunkel
für die nächste Waschmaschine.
Dies ist eine Haltung,
die eine gewisse Demut signalisiert,
eine gewisse Verletzlichkeit,
wenn man mit dem Kopf
im Wäschekorb hängt
und dabei angestrengt
den Arsch in die Höhe reckt.
Ich weiß, es ist ein Bild
für Götter.
Anton kommt kurz herein,
lächelt,
grinst,
obwohl ich ihn nicht sehe,
aber ich weiß es,
denn ich kenne ihn genau
und dieses Grinsen,
das kann ich förmlich spüren.
Aber er macht nichts weiter,
geht wieder hinaus
und überlässt mich
meinen Gedanken.
Und ja, meine Gedanken gehen
in eine ganz bestimmte Richtung,
denn ich muss dir
ein Geheimnis verraten.
Anton geht nachher in eine seiner
philosophischen Stammtischrunden
und ich weiß,
dass er erst morgen
wiederkommen wird.
Es ist nicht hier in der Stadt,
sondern er fährt
100 Kilometer weiter
und wird dort
in einer kleinen Pension
übernachten,
wo er dann noch
am Frühstück
über die Welt philosophieren kann.
Oh ja, ich kann es mir
sehr gut vorstellen,
wie er sich
ein Brötchen schmiert
und dabei allen anderen
am Tisch
seine Gedanken teilhaben lässt.
Was bedeutet, dass ich eine Strohwitwe bin
und Zeit habe.
Und da du es dir gewissermaßen verdient hast,
weil ich dich
als einen hartnäckigen Mann
kennengelernt habe,
der nicht zu schnell aufgibt,
ein Mann,
der Hürden zu nehmen weiß
mit einer gewissen stoischen Ruhe
und Grandezza,
darum möchte ich dich belohnen,
mein lieber Tobias,
und dir einen kleinen Vorschlag machen
und ich hoffe,
dass du nicht Nein sagst.
Nun, ich biete dir an,
dass du mich heute besuchst,
zu Hause,
bei mir,
nur wir zwei,
aber dass du dir nicht einbildest,
dies bedeute irgendetwas Körperliches.
Nein, ich möchte mit dir
den Abend sehr angenehm verbringen,
mich mit dir unterhalten,
austauschen,
nicht immer nur per Brief,
sondern von Angesicht zu Angesicht,
denn ich bin eine anständige Frau,
jedenfalls meistens.
Es grüßt dich, deine Loretta.