Sehen

Zweiundvierzigster Brief an Tobias

Loretta Baum

Mein lieber Tobias,

ich knie vor dem Kühlschrank
und sortiere die abgelaufenen Lebensmittel aus.

Und mit einem scharfen Messer
entferne ich das Eis
aus dem Gefrierteil.

Das macht mir besonders großen Spaß,
wenn ich dann hart gefrorene Stücke abbrechen kann
und sie in den Ausguss schmeiße,
mich daran erfreue,
wie sie langsam auftauen.

Anton steht daneben,
beobachtet mich mit Interesse,
macht natürlich nichts,
gibt großzügige Kommentare ab
und damit er nicht ganz umsonst dasteht,
werfe ich ihm ab und zu ein Glas hin
und verlange von ihm,
dass er entziffert,
wann das Verfallsdatum gewesen ist.

Er ist ganz gut im Fangen,
vermutlich liegt es daran,
dass wir öfter Bowling spielen gehen
und wir den Schwung eines Gegenstandes gut einkalkulieren können,
den wir wegwerfen
oder der uns entgegenkommt.

In diesem Sinne fällt mir ein,
wenn wir gerade über Bowling sprechen,
dass ich heute Abend ins Alexa gehen werde,
um dort Bowling zu spielen.

Anton kommt nicht mit,
was er bedauert,
denn er ist ein begnadeter Bowlingspieler,
aber er hat eine andere Verabredung
mit einem Philosophenkollegen,
die er nicht schwänzen kann.

Jedenfalls hat er das behauptet.

Es kann natürlich sein,
dass das irgendeiner seiner Gespielerinnen ist,
ich weiß es nicht.

Es interessiert mich auch nicht,
beziehungsweise ich kümmere mich nicht darum,
soll er doch machen,
wozu er Lust hat.

Aber du kannst mich begleiten,
das heißt,
was heißt,
du kannst mich begleiten,
ich erwarte,
dass du dich pünktlich um 20 Uhr dort einfindest,
um gemeinsam mit mir zu bowlen.

Es sind noch eine Menge anderer Freunde da,
einige kennst du ja,
und es ist auch eine Person da,
die sich gerne als Ersatzmann aufspielt
und eifersüchtig darüber wacht,
mit wem ich rede.

Nun, nichts macht mir größere Freude,
als diese Person mit dir ein bisschen zu drangsalieren
und zu piksen
und zu sehen,
wie er vor Eifersucht explodiert.

Ich weiß nicht, woher er diesen Spleen und Fimmel hat,
auf mich aufpassen zu müssen,
vielleicht ist er engagiert von Anton,
ich weiß es nicht,
zuzutrauen wäre es Anton durchaus,
aber mir ist es egal,
soll er doch rumschwätzen und spitzeln,
kann er machen,
wie er will.

Nicht meine Angelegenheit,
natürlich ist es meine Angelegenheit,
aber ich meine,
es berührt mich nicht.

Umso mehr macht es Spaß zu sehen,
wie er puterrot anläuft,
Schnappatmung bekommt,
wenn er sieht,
dass ich mich mit dir köstlich amüsieren werde.

Wie gesagt, mein lieber Tobias,
das ist für dich eine Pflichtveranstaltung
und eine Entschuldigung wird nicht akzeptiert,
außer du bist mal wieder sterbenskrank.

In diesem Sinne, ich erwarte dich heute Abend 20 Uhr,
deine Loretta.

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