Sehen
Zweiundzwanzigster Brief an Tobias
Lieber Tobias,
heute gab es einen großen Streit
mit Anton.
Und woran entzünden sich Streitigkeiten
in einer Beziehung oft?
Natürlich am Geld.
Obwohl der Geldstreit meist
für etwas anderes steht.
Nicht immer,
aber oft.
Aber auch der Dissens
über die Geldausgaben
ist natürlich nicht ohne.
Wenn ich merke, dass Geld ausgegeben wurde
und ich mich frage,
wofür.
Und wenn ich Anton frage,
nur Ausflüchte kommen.
Ich meine, wir verdienen nicht schlecht,
aber wir sind jetzt auch nicht Krösus.
Und da mir die Verwaltung
des Haushaltes obliegt,
muss ich natürlich darauf pochen.
Schließlich müssen die Rechnungen
bezahlt werden.
Und Anton kann mit Geld
nicht umgehen.
Aber das Interessante ist,
ich bin froh,
dass es zu diesem Streit gekommen ist.
Denn es gibt Versprechen,
die sich durch einen Streit
als haltlos erweisen.
Und man kann ein Stück weit
das Lügengebilde,
das man über die Jahre aufgebaut hat,
einreißen.
Von daher ist so ein Streit
etwas durchaus Befreiendes.
Man kann sich Dinge an den Kopf werfen,
schließlich ist man ja emotional aufgewühlt,
die man sich in einem normalen Gespräch
nie wagen würde.
Man kann sozusagen das Unterbewusste sprechen lassen,
ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.
Schließlich ist man ja eine emotionale Person
in einem emotionalen Moment.
Natürlich kannst du sagen,
was einmal ausgesprochen wurde,
lässt sich nicht mehr zurücknehmen.
Das ist wohl wahr.
Aber es lässt sich entschuldigen
und damit ist es wieder ein anderer Punkt.
Natürlich hat mein Mann
nicht nur mich verflucht,
sondern den Kapitalismus als Ganzen,
die Gesellschaft,
in der wir leben.
Und ja, die Gesellschaft ist etwas,
was mich auch beschäftigt.
Was sagt die Gesellschaft darüber,
dass ich dir fast täglich
einen Brief schreibe?
Ist das unschicklich?
Werde ich dafür verurteilt?
Bricht die Gesellschaft den Stab über mich,
weil ich es wage,
familiäre Angelegenheiten
mit einer dritten Person zu diskutieren?
Ist das schon der Bruch des Ehegelübdes?
Ich weiß es nicht, bis zu einem gewissen Punkt
ist es mir auch völlig egal.
Obwohl ich es natürlich sagen muss,
dass mir nicht egal ist,
was du denkst.
Aber das ist etwas,
was du für dich entscheiden musst.
Ich wünsche dir noch einen schönen Tag,
deine Loretta.