Sehen
Zwölfter Brief an Tobias
Mein lieber Tobias,
ich habe das Briefpapier
an die Schranktür innen
so mit ein bisschen Tesafilm befestigt
und der Stift liegt
zwischen den Sachen
und so kann ich ab und zu
dir weiterschreiben,
während ich den Kleiderschrank ausmiste.
Und mir macht es doch auch
ein bisschen Freude
zu wissen,
dass ich dir schreiben kann,
während ab und zu mein Mann
zur Tür hereinkommt,
sieht,
was ich mache,
einen Kommentar zu jedem Stück,
das ich wegwerfen will,
ablässt
und dabei aber nicht mitbekommt,
was ich so dir mitteilen will.
Nicht, dass es mich ärgern würde,
wenn er es mitbekommen würde,
aber es ist so wie Tagebuchschreiben.
Es gibt so Dinge, die möchte man einfach nicht,
dass jemand anderes es sieht,
egal wie der Inhalt als solcher aussieht,
ob es harmlos ist oder nicht.
Allein schon sind es so intime innere Gedanken,
dass ihre bloße Existenz
jemanden wie mich erschaudern lässt.
Nein, mein Mann ahnt nichts
und ich kann mich diesen Zeilen
in aller Ruhe hingeben.
Und während ich hier so sortiere,
was bleibt,
was ich wegschmeiße,
denke ich darüber nach,
wie schwer es fällt,
Vergangenes loszulassen.
Man grübelt wirklich fünf Minuten darüber,
ob man einen Pullover behalten will
oder ob man ihn
in die Altkleidersammlung stecken soll,
um einem armen Menschen
eine Freude zu machen.
Man hat diesen Pullover vielleicht
seit zwei Jahren nicht mehr angezogen
und hat auch nicht vor,
ihn anzuziehen
und trotzdem gibt es ein Zögern,
ob er weggegeben werden soll.
Ähnlich ist es mit einer Ehe.
Auch da trägt man viel mit sich,
was man eigentlich irgendwie ablegen müsste
und doch hängt man daran.
Und Tobias, ich habe gesehen,
wie dich meine Kälte getroffen hat.
Und ja, ich habe Mitleid empfunden,
das will ich gar nicht leugnen,
warum sollte ich.
Aber genau deshalb will ich mein Herz
solchen Regungen nicht unterwerfen.
Und ich kämpfe dagegen an,
denn ich will nicht schwach erscheinen
oder mich schwach machen
durch Mitgefühl oder Zuneigung.
Und darum ist es so,
dass ich ernsthaft überlege,
dass ich dir deine Briefe zurückgebe
oder sie vielleicht sogar
meinem Mann überreiche.
Nur um mich davon zu überzeugen,
dass es besser ist,
wenn man den Gefühlen nicht nachgibt,
die in mir nagen.
Ich schätze dich sehr,
aber ich habe auch eine Verantwortung
meinen eigenen Gefühlen gegenüber.
Und das Aussortieren,
das tut weh.
Das emotionale Reinemachen,
um es mal so zu sagen,
aber es ist notwendig.
Darum nimm diese Zeilen,
mein lieber Tobias,
denk drüber nach
und ziehe deine Schlussfolgerungen.
Es grüßt dich, deine Loretta.